Reutlingen / SUSANNE ECKSTEIN Diese Dimensionen hätten die Listhalle gesprengt. Nun gehts wunderbar: Gustav Mahlers zweite Sinfonie im großen Saal der Stadthalle, aufgeführt von Solisten, Chor und Orchester unter Leitung von Ola Rudner.

Etwa 170 Mitwirkende konnte man bei dieser Aufführung zählen, allein die Trompeten und Hörner waren acht- bis zehnfach besetzt. Mahler braucht sie, um seine 1895 uraufgeführte Chor-Sinfonie von Tod und Auferstehung angemessen gattungs- und raumsprengend in Szene zu setzen: mit üppiger Sinfonie-Besetzung, großem Chor sowie einem Fern-Orchester aus Bläsern und Schlagwerk.

Bislang konnte man dieses Werk in Reutlingen nicht live erleben, weil die Listhalle zu klein war. Jetzt hat es im großen Saal der neuen Stadthalle den richtigen Rahmen, das Publikum strömte, das Konzert war ausverkauft.

Chefdirigent Ola Rudner nutzte die Gelegenheit, mit seinem Dirigat die Partitur klanglich in allen Facetten auszuloten. Mit Mahlers Sprache ist er vertraut, erinnert sei an die Polen-Tournee 2011, als er und die WPR ebenfalls mit Annely Peebo als Solistin exzellent Mahler interpretierten. Nun leistete er sich den Luxus, die Tempi relativ großzügig zu nehmen, um die speziellen Schönheiten des Werks - Steigerungen, harte Kontraste, lyrische Inseln, Zusammenbrüche - detailgenau hell, ja grell ausleuchten zu lassen, unterstützt von der Raumakustik, die alle Schattierungen natürlich abbildet und trägt.

Kühle Glut loderte im Spiel des Orchester, fast wie auf einem Kitschgemälde dräute schwarze Finsternis, wurden weite Flächen gespannt und erstrahlte himmlisches Leuchten, unterbrochen von heftigen Schlägen, wenn das höllische Krachen von Tutti und Schlagwerk einen fast von den Sitzen warf. Wer in der Musik eine innere Botschaft suchte, sah sich hörend auf Mahlers Stil verwiesen, der in einer Art wildem Crossover Triviales mit Kunst mischt, Tschingderassa mit Traum.

Das wurde so ausmusiziert und - auch im Leerlauf - bis an die Grenzen ausgereizt. Einen Höhepunkt besonderer Art bildete der 2. Satz: Er öffnete den Blick in eine andere Welt, die feine Ländler-Melodie tanzte fast unhörbar wie auf Zehenspitzen an der Grenze zum Nichts.

Solches Spiel, das sich selbst so gekonnt in überirdischer Zartheit exponiert und die Ohren öffnet für Transzendentes, hört man selten. Der noble Duktus wurde beibehalten, bis bohrende Einwürfe und Donnerkrachen ihn wieder brutal zerfetzten. In mystische Gefilde führte der vierte Satz das "Urlicht", der durch Annely Peebos so schlichtes wie würdiges Solo ("Der Mensch liegt in größter Not") und durch das ferne Tönen der Bläser eine weitere, den Raum sprengende Dimension erhielt. Der lange Finalsatz schien zunächst die Schrecken des Jüngsten Gerichts zu entfesseln: Blech marschiert, Trommel kracht, Holz kreischt, das Schlagwerk darf apokalyptisch toben, während draußen die fröhliche Blasmusik spielt.

Es folgt Mahlers mild auskomponierte Erlösung mit Chor, welcher gemeinsam mit den Solistinnen Annely Peebo und Maria Luigia Borsi weiches vokales Himmelslicht von überirdischer Schönheit erstrahlen ließ. Wie kann man dabei nur husten? Gekrönt wurde das Ganze durch ein bombastisches Finale, in dem sich Chor und Orchester mit dem Satz "Sterben werd ich, um zu leben" und mit akustischer Brachialgewalt gegen Schmerz und Tod durchsetzten.

An dieser Stelle stieß nicht nur das Werk, sondern auch die Raumakustik an ihre Grenzen - das Forte fortissimo aller Kräfte gellte gewaltig. Ein enormer Effekt! Das Publikum zeigte sich durchweg begeistert, Jubel und Applaus hielten ungewöhnlich lange an.

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