Reutlingen Magisches Ballett im Zauberladen

Die Compagnie Bodecker & Neander faszinierte mit pantomimischem Spiel zur Musik von Françaix und Rossini - eine Szene beim Werkkonzert in der Stadthalle Reutlingen.
Die Compagnie Bodecker & Neander faszinierte mit pantomimischem Spiel zur Musik von Françaix und Rossini - eine Szene beim Werkkonzert in der Stadthalle Reutlingen. © Foto: Marinko Belanov
Reutlingen / SUSANNE ECKSTEIN 09.05.2015
Im 7. Werkkonzert hieß es: Philharmonie trifft Pantomime. Die Compagnie Bodecker & Neander bot szenisches Spiel zu Musik von Françaix und Rossini.

Die Philharmonie probiert in den Werkkonzerten unter dem Motto "Orchester trifft. . ." gern neue Kombinationen aus - mit Jazz, Latin, Film und anderem. Nun also mit Pantomimen: Wolfram von Bodecker und Alexander Neander sind Schüler des legendären Marcel Marceau, man durfte gespannt sein. Allerdings musste man warten: Nur zwei der neun Nummern, jeweils am Ende des Blocks, wurden von den Pantomimen gestaltet. Davor erklang Orchestermusik. Eigentlich durchweg am Thema "Ballett und Pantomime" orientiert - nur erfuhr das der Hörer/die Hörerin nicht. Dabei könnten Wort und Musik gemeinsam viel erzählen: Von Lortzings "Undine", die eigentlich eine Nixe ist, von Mozarts Versuch, in Paris (unter anderem) mit Musikbeiträgen zu dem Ballett "Les petits riens" Fuß zu fassen, oder der "schönen Galathée", die in Suppés Operette als lebende Statue Verwirrung stiftet. Eine "Kollegin" von ihr ist (bei Délibes) die Puppe Coppelia. Ihr zur Seite stehen die Spielfiguren Golliwog und Springteufel (Jack in the box), die von Debussy und Satie musikalisch bedacht wurden.

Der eingebaute Fantasie- und Spaßfaktor kann so nur bedingt wirken. Dabei haben Ola Rudner und die Seinen (in verkleinerter Besetzung) leichtes Spiel mit den schlicht gestrickten Partituren, teils Ballettmusiken, teils Orchesterversionen von Klavierstücken. In makelloser Anmut tanzen die imaginären Puppen und Balletteusen, Ola Rudner vermittelt Präzision und Eleganz, die Solobläser steuern romantische Kantilenen bei. Das Ganze wirkt farbig, kontrastreich, kultiviert, doch ohne Kontext etwas blass.

Umso spannender die zwei Nummern mit den Pantomimen, von denen einer das Magierhandwerk erlernt hat. Bodecker und Neander haben offenbar ihre Choreographie aus der Musik heraus entwickelt: Mimik und Gestik entsprechen genau ihrem Charakter, ihrer Bewegung; hier ist kein Platz für Improvisation, die wortlosen Szenen sind exakt ausgearbeitet und ausdrucksvoll ausgeführt. Zunächst die "Jeux à deux" (Spiele zu zweit) auf das Divertissement für Fagott und Streicher von Jean Françaix, von Michael Laucke auf dem Solofagott virtuos dargeboten: Zwei Kartenspieler in Schwarz mischen, scherzen, spielen, streiten. Wie aus dem Nichts erscheinen Handpuppen und entfalten ein Spiel im Spiel, sie drohen, flehen, klagen - und verschwinden. Dass es um Schach gehen soll, ist im Auditorium aber kaum nachzuvollziehen.

Den Höhepunkt am Ende des Abends bildet die "Zauberladen"-Szene, in der Irene Fas Fita die zentrale Position einnimmt: als eine vom Mann/Künstler geschaffene weibliche Kunstfigur, die zum Leben erwacht - ein faszinierender Mythos, von Bodecker & Neander passgenau adaptiert auf das Rossini-Arrangement "La boutique fantasque" von Ottorino Respighi.

Um einen fahrbaren Tisch herum entwickelt sich ein fantasievolles magisch-pantomimisches Ballett: Aus dem Hämmern des Künstlers ersteht Galatea als graue Steinfigur, ähnlich den lebenden Straßen-Skulpturen changiert sie zwischen Starrheit und Bewegung.

Bildhauer und Kunde streiten sich um sie mit theatralischem Pathos wie in alten Filmen, Kunde meuchelt Künstler, die Statue gerät ins Wanken.

Doch der Künstler lebt, zu Rossinis Nocturne umwinden sich Künstler, Kunde und Werk in einem Pas de trois - und zum Schlussgalopp schwingt der Künstler wieder den imaginären Hammer.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel