Reutlingen Magische Momente mit einer Jazzlegende

 Tom Harrell hat im Pappelgarten das Publikum komplett begeistert.
 Tom Harrell hat im Pappelgarten das Publikum komplett begeistert. © Foto: Jürgen Spieß
Reutlingen / Jürgen Spiess 05.05.2018

Magische Momente: Der seit über 50 Jahren an Schizophrenie leidende US-Trompeter Tom Harrell und sein Quartett bescheren den rund 130 Besuchern im ausverkauften Pappelgarten ein allen Jazz-Ansprüchen genügendes Konzert und dem Veranstalter Tobias Festl einen Rekordbesuch.

Herrschaftszeiten, sind die Reutlinger Jazzfans ausgehungert. In Scharen strömen sie in der Nacht zum 1. Mai in das an diesem Tag exakt 50 Jahre alte Naturfreundehaus, in dem ein Quartett um den in New York lebenden Startrompeter Tom Harrell den Anschluss an die Jazzwelt verspricht. Als die Gruppe um kurz nach halb neun die Bühne betritt, brandet über sie die erste Beifallswoge hinweg. Die Musiker werden empfangen, als hätten sie bereits ganze Arbeit geleistet.

Hohe Erwartungen

Es ist der hohe Pegel der Erwartungen, der sich hier artikuliert. Kein Wunder, denn auf der Bühne steht ein Musiker, der wichtige Kapitel der amerikanischen Jazzgeschichte mitgeschrieben hat. Tom Harrell hat nicht nur mit Größen wie Bill Evans, Dizzie Gillespie und Horace Silver zusammengespielt, er gehört auch trotz seiner schweren Krankheit zu den originärsten und komplettesten Trompetenstimmen des Jazz. Dank starker Medikamente kann er seine Virtuosität und spektakuläre Technik auf den Punkt abrufen und scheint in der Musik ein relativ stabiles Paradies gefunden zu haben. Mit tief gebeugtem Kopf betritt der in Palo Alto aufgewachsene Klangästhet in kleinen Schritten die Bühne und verharrt dort regungslos und scheinbar teilnahmslos bis zu seinem Einsatz. Doch sobald er die Trompete oder das Flügelhorn angesetzt hat, lebt er geradezu auf, lässt seine Krankheit für einen kurzen Moment hinter sich und bläst sich frei. Brillant in der Dynamikkontrolle, energisch und trocken in der Gestaltung seiner Soli, schnörkellos, intensiv und trotz allem keineswegs angestaubt, entwickelt der so ganz in seiner Welt lebende Trompeter eine zeitlose Musikform, die sowohl waghalsige Virtuosität als auch sehnsuchtsvollen Lyrismus ausstrahlt. Irgendwie ist er das noch, der unverfälschte Hard Bop der späten sechziger Jahre.

Eine einzigartige Demo

Tom Harrell lebt ihn in seinen Soli, doch sofort nachdem er das Instrument von den Lippen genommen hat, scheint er wieder zu erstarren und in sich zusammenzusacken. Mit tief gesenktem Kopf schlurft er zur Bühnenseite und verharrt dort regungslos bis zu seinem nächsten Einsatz. Großen Anteil an dieser einzigartigen Jazz-Demonstration haben neben dem Bandleader auch der Pianist Danny Grissett, der sich mit Harrell häufig einen musikalischen Schlagabtausch liefert. Während Grissett die intensiven Hard-Bop-Themen vehement antreibt, bringt Bassist Ugonna Okegwo die swingenden Farbtupfer ins Spiel. Er knüpft souverän an die Jazz-Vorbilder an, mit denen der 71-jährige Trompeter und Flügelhornist in seinem langen, musikalischen Leben zu tun hatte. Der überaus modern trommelnde Adam Cruz macht den kernigen Gruppensound komplett. Dieser resultiert auch daraus, dass die Musiker ihre technischen Fähigkeiten mit einem enormen Gespür für das Timing ihrer Einsätze vermengen. Und mittendrin in diesem brodelnden Gebräu steht Tom Harrell, der seit seiner Kindheit Trompete spielt und seit mehr als 50 Jahren an Schizophrenie leidet. Trotz seiner körperlichen Zerbrechlichkeit und scheinbar geistigen Abwesenheit ist er der ruhende Pol in einer Formation, die vor Energie und Spiellust beinahe zu platzen scheint. Schade nur, dass das Konzert nach anderthalb Stunden und einer Zugabe endet. Dem Beifall nach zu schließen, haben die ausgehungerten Jazzfans noch lange nicht genug.

Weitere Jazzkonzerte im Pappelgarten

Die Reihe „Jazz im Pappelgarten“ geht weiter am 18. Mai um 20.30 Uhr mit Yotam Silberstein Quartet feat. Petros Klampanis.
27. Mai: Gary Smulyan – Ralph Moore Encounter Quintet.
10. Juni: Altai Band.
13. Juni: Champian Fulton Trio.
28. Juni: Dena DeRose Trio: „Remembering Lee Shaw“.

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