Reutlingen Lös' dich doch in Luft auf!

PETER ANDEL 01.06.2015
In Reutlingen hat's der Radfahrer nicht einfach. Das Wegenetz, mit vielen Lücken behaftet, endet oft 500 Meter vor der Altstadt, klagt Holger Bergmann, Mitglied im Kreisvorstand des ADFC.

Grünen-Stadtrat Holger Bergmann ist ein passionierter Radfahrer, der "gerne und überall" mit dem Velo unterwegs ist. Er kämpfe sich durchaus auch durch den motorisierten Verkehr, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung, aber inzwischen - mit 54 ist man ja nicht mehr der Allerjüngste - bevorzugt er die autoärmeren Strecken. Diplom-Kaufmann Bergmann ist Mitglied im Kreisvorstand des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), der jüngst mal wieder ermittelt hat, dass "in unserer Größenklasse" Reutlingen nach Pforzheim die zweitschlechteste Stadt im Land und die drittschlechteste im Bund ist, was den Radverkehr anbelangt. Diese Studie, Fahrradklimatest genannt, wird übrigens vom Bundesumweltamt finanziert.

Dabei ist das, was die Stadt in Sachen Radverkehr im Blick hat, so schlecht nicht. "Die Stadt macht Ankündigungen, der Masterplan besteht aus guten Ideen, es gibt auch Mittel im Haushalt und es wird auf Vorschläge des ADFC eingegangen", aber bei den tatsächlichen Maßnahmen, sagt Bergmann, sehe es leider "dünn" aus.

Wo's klemmt, zeigt der 54-Jährige an einem Beispiel auf: Von Rommelsbach und Orschel-Hagen sei zwar ein Radweg entlang der lärmenden Landesstraße vorhanden, doch an der Brücke über die B 28 kommt es zum "Schlängelprinzip", wobei Radfahrer im Zweifel gelassen würden, ob sie Vorfahrt haben oder nicht. "Da ist man als Radfahrer verloren." Seit 20 Jahren habe der ADFC dies kritisiert, offenbar habe man dies bei der Verwaltung inzwischen so akzeptiert.

Weiter geht's hier zu Unter den Linden, wo der Radweg rechts weiterführt, wer aber nach links in die Innenstadt will, dem wird keine gute Lösung präsentiert. Der ADFC hat hier Vorschläge gemacht. Dabei ist's geblieben. "Diese Lücke gibt's schon ewig", so Bergmann, die müsste geschlossen werden. Ist der Radler endlich unter der Brücke durch und an der Karlstraße, steht er vor einer "unkomfortablen Situation". Eine Radspur über die Ampel gibt es nicht. Und ein Radfahrer habe "nichts auf dem Gehweg verloren". Bergmann sieht das als ein Prinzip in den Radwegbeziehungen an: "Alles endet 500 Meter vor der Altstadt." In umgekehrter Richtung fehlt es übrigens vor dem Media-Markt noch an einem Radweg, auf dem man sicher auf den Radweg Rommelsbacher Straße kommt.

Zweites Beispiel, auch eine Anregung des ADFC: Es wird ein "autoärmerer Zugang" zu den Quartieren Lindach-, Steinenberg- und untere Ringelbachstraße gewünscht. Eine Radroute nach Pfullingen sollte vom Marktplatz über die Kanzlei-, Lindach- und Wörthstraße führen. Unter anderem schlägt der ADFC vor, dass die Lindachstraße zwischen Leder- und Hindenburgstraße (Echazbrücke) in beiden Richtungen nur von Bussen und Fahrrädern befahren werden.

Perspektivisch möchte der ADFC Schnellverbindungen, durchgehende und bequeme Routen von A nach B schaffen - nach dem Prinzip der Bundesstraßen. "Ein Autofahrer fährt doch auch nicht durch den Ort und weiß nicht, wie es weiter geht."

Leider, so Bergmann, gebe es nur "kleine Maßnahmen", die positiv zu vermerken seien. Zum Beispiel besteht seit kurzem die Möglichkeit, von der Burkhardt+Weber-Straße nach links in die Altstadt hoch abzubiegen. Oder dass in der Oststadt drei Einbahnstraßen für die Gegenrichtung aufgemacht wurden. Das müsste laut Bergmann überall der Fall sein, auch und gerade in der Metzgerstraße.

Was dem ADFC-Kreisvorständler auf den Keks geht, sind die alltäglichen kleinen Ärgernisse. Während die Stadtverwaltung vor dem Rathaus gute und ADFC-zertifizierte Fahrradständer angebracht hat, hält der Bäderbetrieb im Markwasen noch an den alten "Felgenklemmern" fest, die die Räder beschädigen. Das ist "anachronistisch".

Ein Dauerärgernis, so Bergmann, seien auch die Baustellen. Trotz "Wohlwollens" des Amts für öffentliche Ordnung, machten die Baufirmen, was sie wollten. Da hängt dann schon einmal einfach so ein Schild mit "Radweg Ende". Da übt sich der 54-Jährige in Sarkasmus: Soll sich in diesem Fall der Radfahrer in Luft auflösen?