Seine „Russendisko“ feiert 20. Geburtstag. Auf das deutschsprachige literarische Debüt folgten bislang rund 30 weitere Bücher. Und der schreibende DJ, oder besser, der gelegentlich noch immer Platten auflegende Autor ist in Würde ergraut. Lustig ist er nach wie vor – ganz ungezwungen und selbst in der einst selbsterlernten Fremdsprache so beneidenswert sprachgewandt: Wladimir Kaminer.

Ein deutscher Russe

Der Deutschen liebster Russe, Selbstbeschreibung: „privat ein Russe, beruflich ein deutscher Schriftsteller“, 1967 in Moskau geboren, 1990 an den Berliner Prenzlberg übergesiedelt. Seinen Name kennt sogar der Bürgermeister der US-Westküstenmetropole Portland (Oregon), da der immer wieder von deutschen Besuchern darauf angesprochen wird, dass er dem Mann ähnlich sehe, der als proklamierter Wowereit-Erbe fast mal sein Kollege geworden wäre.

„Wo waren wir stehengeblieben?“

Dieser Mann hat wieder in Reutlingen Station gemacht. Vor ziemlich genau zwei Jahren sei er zum letzten Mal dagewesen, sagt er zu Beginn seiner Lesung im franz.K – „Sie auch?“ Also, „wo waren wir stehengeblieben?“

Aus dem Nähkästchen und drüber hinaus

Der 52-Jährige im grau schimmernden Anzug  wartet nicht auf eine Antwort seiner begeisterten Fans deutscher wie russischer Herkunft im restlos ausverkauften Saal, sondern plappert munter drauflos. Aus dem Nähkästchen und darüber hinaus.

Irgendwann liest er auch, denn Autoren sollen bei Lesungen ja Werbung für ihre Bücher machen.

Nimmermüder Seelenkenner

Und von Kaminer, dem nimmermüden Tausendsassa mit kulturübergreifendem Einblick in hinterletzte Seelenecken, erscheinen pro Jahr meist mehrere Werke.

Statt der im Programm angekündigten „Liebeserklärungen“ wählt er im ersten Teil des äußerst vergnüglichen Spätnachmittags zunächst Anekdoten von 14 Tagen im Jahr 2016 als Dauer-Lese-Gast auf einem schwimmenden Hochhaus im Mittelmeer, die er in „Die Kreuzfahrer“ verarbeitet hat.

„Dann feiern wir eben!“

„Damals gab’s noch keine Greta Thunberg“, und die Grundhaltung der Mitreisenden an der Bar auf Deck elf sei gewesen: „Wenn wir schon die Welt nicht retten können, dann feiern wir eben – Stößchen!“

Diese Stimmung habe ihn fasziniert, bekennt er, und nimmt einen kräftigen Schluck von der durchsichtigen Flüssigkeit im Saftglas auf dem Stehtisch neben dem Mikro.

Vom Mittelmeer nach Montenegro

Das führt Wladimir Kaminer zum Besuch eines russischen  Kulturfestivals in  Montenegro, wo ihm nicht nur zahlreiche Landsleute begegneten, sondern auch „Obstler ohne Obst“ und die Frage: „Sind das noch Touristen oder schon Geflüchtete?

Chinesen als Chefbestäuber

Darauf folgt die in Wien aufgekommene Verschwörungstheorie, dass „Chinesen jetzt anstelle der Bienen die Blüten bestäuben“, und ein Exkurs zu seiner 23-jährigen Tochter Nicole, die in Berlin Gender Studies betreibe und ihn gern – „Papa, das geht so nicht!“ – auf sexistische und rassistische Stellen in seiner Arbeit hinweise. Was tut ein Kaminer da? Na klar, er schreibt ein Buch darüber. Ende 2020 soll es erscheinen. „Es wird mein Bestes“, da ist er sich sicher. Und grinst mal wieder verschmitzt.

Falscher Ort für Selbstfindung

Ein lohnendes literarisches – und für manchen im Publikum offenbar identifikationsstiftendes – Sujet gibt neben Wladimir Kaminers 88-jähriger Mutter auch der 20-jährige Sohn Sebastian her, der zwei Jahre nach dem Abi noch immer sich selbst suche. „Aber am falschen Platz! Bei uns zuhause? Zwischen Küche und Laptop?“

Dem Vater erschiene da Australien – „zum Zwischenparken von Nachwuchs gerade in Mode“ – weitaus vielversprechender. „Aber nein, meine sitzen wie Pflastersteine in diesem Berlin!

Stößchen und Signieren in der Pause

Auf ein herrlich surreales Stück über die Geburt des russischen Poeten Daniil Charms – von Kaminer mit russischem Akzent ausgesprochen, klingt es wie „Daniel Karms“ – aus dem jüngst erschienenen „Tolstois Bart und Tschechows Schuhe“ folgt nach der Pause „mit Möglichkeit zum Stößchen und Bücher signieren lassen“ im zweiten Teil noch Unveröffentliches – in Kaminers Worten: „Neue Geschichten zum alten Thema ,Fragen des Lebens’“. Über Sebastian, die Mutter und auf ausdrücklichen Wunsch der Fans in Reutlingen auch aus der beliebten Rubrik „Schwaben in Berlin“ – und Wladimir Kaminer selbst als diplomatisch schweigendes Bärenkaninchen.

Weitere Programm-Höhepunkte im Januar


Lesungen und Kabarett Wladimir Kaminer hat mit seinen „Liebeserklärungen“ den Auftakt zum Januar-Programm des franz.K gemacht. Am Samstag, 11. Januar, folgt ein Benefizabend zugunsten von Fridays for Future; am Donnerstag, 16. Januar, liest der große Satiriker Max Goldt; am Mittwoch, 22., erörtert Comedian Jan Philipp Zymny „How to human?“; am Donnerstag, 23., liest Berthold Seliger aus seinem neuen Buch, in dem er sich mit aktuellen Hintergründen des Konzertgeschäfts beschäftigt: In detaillierten Analysen und Hintergrundberichten erklärt er, wie das Imperiengeschäftt von Großagenturen die kulturelle Vielfalt gefährdet; am Mittwoch, 29., folgt eine Lesung zum Gedenken an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 75 Jahren: „Je dunkler die Nacht . . .“

Konzerte Am Donners­tag, 9. Januar, tritt „Tatort“-­Kommissar Axel Prahl & das Inselorchester in der Reihe Songs & Poesija auf; am Freitag, 10., feiert Liedermacher Thomas Felder „50 Jahre auf der Bühne“; am Sonntag, 12., stellen sich junge klassische Sänger und Pianisten im „Café Cantate“ vor; am 18. Januar entfalten Klezmob Jiddisches und Balkan-Klänge; am 24. gastiert das Flamenco-Frauen-Quartett Las Migas aus Barcelona; am 25. feiern sich die Reutlinger Stoner Rocker Walter Subject; am Donnerstag, 30. Januar, folgt mit dem Dream-Pop-Duo Wolf & Moon ein erstes Highlight des diesjährigen Indiestinction-Festivals; am Freitag, 31. Januar, liest und spielt Dotschy Reinhardt, die aus Ravensburg stammende jüngste Musikerin aus der Familie des genialen Django Reinhardt. cli