Reutlingen Leitplanke auf dem Weg in die Gesellschaft

Günter Klinger (von links), Peter Donecker, Martin Länge, Marion Kleiss, Reza Shandoosh, Anas Sargi, Amirhossein Nazary und Regine Schaal freuen sich über das gemeinsam gestaltete Integrations-Lernheft „Grenzen erfahren - Brücken bauen“.
Günter Klinger (von links), Peter Donecker, Martin Länge, Marion Kleiss, Reza Shandoosh, Anas Sargi, Amirhossein Nazary und Regine Schaal freuen sich über das gemeinsam gestaltete Integrations-Lernheft „Grenzen erfahren - Brücken bauen“. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 18.07.2016
Woher sollen Flüchtlinge wissen, welche Gesetze, Verbote und Vorschriften hier gelten? Ein brandneues Lernheft vermittelt das. Und noch viel mehr.

Die Begeisterung war groß in der Planie 17, als jetzt ein Integrationslernheft beim Diakonieverband vorgestellt wurde. Entstanden ist das in Zusammenarbeit von zahlreichen Partnern, das wirklich Besondere daran ist aber: Flüchtlinge haben selbst daran mitgewirkt, ihre Sichtweisen, ihre Erfahrungen, ihre Kultur und ihre Prägungen mit eingebracht. Und – das Wichtigste: Sie haben Fragestellungen und Probleme selbst angesprochen.

Wie zum Beispiel der Besuch von Freibädern. „Zu dem Thema gibt es in der Bevölkerung viele Bedenken und Ängste“, betonte Martin Länge, beim Reutlinger Polizeipräsidium für Prävention im Bereich Flüchtlinge zuständig. Besonders Eltern sorgen sich um ihre Kinder, so Länge. Ein anderes Beispiel: „Ich weiß von einer Unterkunftsleiterin, die sagte: ‚Hier müsste eigentlich einmal in der Woche ein Polizist stehen und den jungen Menschen sagen, was erlaubt ist und was nicht‘“, so Länge.

Weil das rein personell nicht möglich sei, den Flüchtlingen Benimmregeln beizubringen“, begrüße die Polizei solch ein Integrations-Lernheft mit dem Namen „Grenzen erfahren – Brücken bauen“ sehr. „Das könnte eine Leitplanke auf dem Weg in die Gesellschaft sein.“ Entstanden ist das Heft durch das Aufeinandertreffen von Marion Kleiss vom Fink-Verlag, Peter Donecker vom Diakonieverband und Regine Schaal. Der Pfullinger Verlag hatte bereits ein „Lernheft zum deutschen Grundgesetz“ herausgebracht, auch darin wurde viel mit Figuren und mit Übersetzungen ins Arabische und Englische gearbeitet.

Amirhossein Nazary aus Afghanistan (20 Jahre), Anas Sargi aus Syrien (19 Jahre) und Reza Shadnoosh aus dem Iran (17 Jahre) haben sich in einer beruflichen Vorbereitungsklasse ohne Deutschkenntnisse (Vabo) mit dem Grundgesetzheft auseinandergesetzt und darüber mit ihren Mitbewohnern diskutiert. Dabei kam heraus, wie Nazary berichtete, dass sie noch viel mehr Fragen haben. „Ich bin vor acht Monaten nach Deutschland gekommen und hatte keine Ahnung von der Kultur hier, von dem, was man darf und was nicht“, erinnert sich Shadnoosh. Der 17-Jährige hat maßgeblich an der Übersetzung des Integrations-Lernheftes mitgearbeitet.

Die Inhalte von „Grenzen erfahren – Brücken bauen“? Körperdistanz und Belästigung, Liebe und Intimität, Drogen und Betäubungsmittel, Trennung von Staat und Religion, Gleichberechtigung Mann-Frau und vieles mehr.

„Das Interessante ist, dass meine Schüler die Themen selbst mitgebracht haben“, so Lehrerin Schaal vom Internationalen Bund (IB). Dringend notwendig sei solch ein Heft, betonte Donecker, der beim Diakonieverband Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit betreut. Freiwillige Helfer gebe es im Kreis  mittlerweile an die 2000, einige von ihnen geben Sprachkurse – und finanzieren die zum Teil sehr teuren Lernmaterialien auch noch selbst. „Mit dem Lernheft zur Integration haben wir jetzt mit einem Preis von 3,50 Euro  ein sehr kostengünstiges und gutes Medium“, so Donecker.

Marion Kleiss hat auch am Heft mitgearbeitet, wie Schaal betont sie: „Nicht nur die Flüchtlinge, auch ich habe sehr viel dabei gelernt.“ Zum Beispiel, dass die Unterschiede zwischen Afghanistan, Iran und Syrien „riesengroß sind“. Begeistert vom neuen Medium zeigte sich auch Diakonieverbands-Geschäftsführer  Günter Klinger: Das regional entstandene Heft hätte einen Preis verdient, betonte er.

Das unterstützt auch Martin Länge, denn mit dem Heft geschehe „Wertevermittlung ohne erhobenen Zeigefinger“. Das Aufzeigen der hiesigen Gewohnheiten, Gesetze und auch von Verboten müsse nachhaltig wirken, so Länge. Denn nur so könne Integration funktionieren. Und im Übrigen „spricht das Heft eine Riesenbandbreite an Menschen an“: Für Analphabeten verdeutlichen Figuren den Inhalt, der deutsche Text wurde ins Persische und ins Arabische übersetzt. Und über die Kreisgrenzen hinaus ist es auch schon bekannt: „Ich habe es schon beim Landeskriminalamt und bei einer Bund-Länder-Projektgruppe vorgestellt“, so  Länge.