Reutlingen Leid und Tod, Jubel und Stille Johannespassion in der Marienkirche

SUSANNE ECKSTEIN 27.03.2012
Es war eine sehr gute - und eine sehr gut besuchte Aufführung: Bachs Passion nach dem Evangelisten Johannes erklang am Sonntag in der Reutlinger Marienkirche unter der Gesamtleitung von Eberhard Becker.

Muss man einer Passions-Aufführung tatsächlich ein Vorwort voranstellen, in dem sich die Kirche für (historische) antijüdische Untertöne entschuldigt? Falls ja, wäre auch eine Entschuldigung für die drastisch dargestellte makabre Handlung und vor allem für die unsäglichen Texte angebracht, die Johann Sebastian Bach in seiner vierten Fassung sogar nachträglich geändert hat (etwa "Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken"); auch manche theologischen Aspekte sind umstritten.

Dargeboten wird die Johannespassion üblicherweise in einer Einheits-Mischfassung mit den frühen Texten, wie auch in der jetzigen Aufführung.

Diese orientierte sich teilweise am historischen Vorbild: Das unbenannte, wohl ad hoc kombinierte Ensemble musizierte auf Nachbauten alter Instrumente. Vor allem ein rares barockes Kontrafagott fiel auf, das im düsteren Gesamtbild von Jesu Misshandlung, Leiden und Tod zusätzlich abgründige Tiefe andeutete. In Verbindung mit dem - eher unhistorisch - mit etwa 80 Personen, zu drei Vierteln Frauenstimmen üppig besetzten Chor wirkte der feine, rhetorisch ausdifferenzierte Klang der etwa 20 Streicher und Holzbläser mit Continuo-Gruppe allerdings manchmal etwas diffus.

Wie im Gottesdienst zu Bachs Zeit umrahmte die Passion eine zentrale Predigt, nunmehr gehalten von Pfarrerin Sabine Großhennig, welche allerdings im Programm nicht erwähnt wurde. Nicht zu schämen brauchte man sich der Solisten, allen voran des Tenors Nils Giebelhausen als wortmächtiger Evangelist. Seine glaubwürdige Gestaltung der Rolle zeichnete sich durch sichere Technik, klare Diktion und natürliche Dramatik aus. Zur Seite standen ihm als Jesus und Pilatus der Bass Torsten Müller und der Bariton Thomas Scharr, beide - wie er - klangschön und souverän in Stimme, Ausdruck und Gestaltung, sowohl in den Rezitativen wie den anspruchsvollen Arien.

Die betrachtenden Sopran- und Alt-Arien wurden einfühlsam und stilsicher interpretiert von Susan Eitrich und Jan Sebastian Hermann, beide ebenfalls in jeder Hinsicht überzeugend. Die eigenartige Stimmfärbung des Altus hob sich nicht fremd, sondern als reizvolles klangliches Pendant zu den Oboenstimmen ab.

In die Alt-Partie fiel auch der dramatische Zentralpunkt: Das schmerzhaft verinnerlichte "Es ist vollbracht" schlug in atemberaubender Weise um in das vorösterlich jubelnde "Der Held aus Juda siegt mit Macht" als Vorgriff auf die Auferstehung, gefolgt von "Und neigte das Haupt und verschied" und beredter Stille.

Im Ganzen war eine stilistisch weitgehend abgerundete, großartige musikalische Leistung zu verzeichnen, von Eberhard Becker so routiniert wie engagiert koordiniert und geleitet.

Trotz der üppigen Besetzung erfüllte der Chor seine Aufgaben als singend-sinnende Gemeinde, als mithandelnde, "Kreuzige ihn" rufende Menge präzise; die mehrschichtig angelegten Passagen, in denen sich Chor, Solisten und Instrumente zu vielstimmigem Dialog verbinden, wirkten organisch und sicher.

Auch wenn sich insgesamt manchmal eine gewisse Oberflächlichkeit bemerkbar machte (kein Wunder bei dem neben der Matthäus-Passion oft aufgeführten Standardwerk), genoss das Publikum Bachs musikalisch über alle Zweifel erhabenes Meisterwerk mit Anteilnahme und quittierte die Aufführung mit lang anhaltendem Beifall.