Reutlingen Lebensrettende Stromstöße

Prof. Karl Konstantin Haase (links) und Dr. Friedemann Weller zeigen, wo am Körper die neue Generation der implantierbaren Defibrillatoren unter der Haut eingesetzt werden.
Prof. Karl Konstantin Haase (links) und Dr. Friedemann Weller zeigen, wo am Körper die neue Generation der implantierbaren Defibrillatoren unter der Haut eingesetzt werden. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 30.07.2016
„Eine 52-jährige Patientin wäre ohne den implantierten Defibrillator schon zweimal gestorben“, betont Dr. Friedemann Weller am Kreisklinikum.

Das sogenannte Herzkammerflimmern ist lebensgefährlich, es dauert nach den Worten von Dr. Friedemann Weller rund 10 bis 20 Sekunden. „Wenn nach drei bis fünf Minuten keine Hilfe kommt, ist der Mensch gestorben“, sagt Dr. Friedemann Weller, Oberarzt an der Medizinischen Klinik II in Reutlingen. Das sei unweigerlich so – und ist auch ein guter Grund, warum in immer mehr öffentlichen Einrichtungen die sogenannten Defibrillatoren hängen. Mit denen kann den Patienten geholfen werden, bei rechtzeitiger Betätigung erhält ihr Herz einen elektrischen Schock, es fängt wieder an im richtigen Rhythmus zu schlagen.

Aber: Menschen, bei denen solche lebensgefährlichen Herzstörungen absehbar sind, kann schon im Vorfeld geholfen werden. Indem sie nämlich einen Defibrillator „eingesetzt“ bekommen. Seit mehr als 30 Jahren gibt es diese Möglichkeit schon, das bisherige Verfahren brachte allerdings verschiedene Nachteile mit sich, wie Weller beim Pressegespräch dieser Tage ausführte. Weil nämlich das Kabel – das von dem am Schulterblatt platzierten, nicht einmal handtellergroßen Hightech-Gerät aus direkt ins Herz verläuft – dort einwächst, so Weller. „Wenn es zu Infektionen kommt, ist es sehr aufwändig, das Kabel wieder herauszunehmen.“

Und darüber hinaus hat die Erfahrunge gezeigt, dass es nach sechs bis acht Jahren in bis zu 40 Prozent aller Fälle zu einem Kabelbruch kam. Seit 2009 gibt es nach den Worten des Oberarztes in Deutschland eine neue Methode: Dabei wird das Kabel – von dem aus die „elektrischen Schläge“ mit bis zu 80 Joule in die Herzregion hineingesetzt werden – oberhalb des Brustbeins verlegt. Das Kabel bleibt also außerhalb des Herzens, kann somit nicht verwachsen und relativ leicht ersetzt werden. Allerdings muss der optimale Punkt gefunden werden, an dem das Kabel platziert wird. „Deshalb ist die Operation auch ein klein wenig aufwändiger“, so Dr. Weller. Dennoch sind nur zwei bis drei kleine Schnitte in die Haut notwendig, um das lebensrettende Instrument unter der Haut zu implantieren. Der Preis für den moderneren „Defi“ ist allerdings mit 11?500 Euro fast doppelt so hoch wie das ältere (aber ebenfalls erfolgreiche) Modell, das 6000 Euro kostet.

Patienten mit lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen sind in zwei Drittel aller Fälle diejenigen, die einen Defibrillator unter die Haut implantiert bekommen. „Es geht da vor allem um genetische Vorbelastungen“, erläutert Prof. Karl Konstantin Haase, Chefarzt der Medizinischen Klinik II am Reutlinger Kreisklinikum.

„Diese Menschen erhalten quasi den Sicherheitsgurt vorab“, wie die beiden Mediziner betonten. Rund ein Drittel aller Patienten, die solch ein elektronisches Wunderwerk der Technik erhalten, sind Patienten, die einen Herzinfarkt überlebt haben.

Kontrolliert werden kann der Defibrillator im Übrigen von außerhalb, jegliche Herzstörungen werden aufgezeichnet und können sogar über das Internet abgelesen werden. „Ich hatte eine 52-jährige Patientin, der habe ich einen Defi implantiert – die wäre mittlerweile schon zweimal gestorben“, betont Friedemann Weller.

Insgesamt erhalten am Reutlinger Klinikum durchschnittlich zwischen 60 und 70 Patienten pro Jahr einen lebensrettenden Defibrillator von Dr. Weller unter die Haut gesetzt.