Wer ist sie? Und wenn ja, wie viele? Das kann man sich auch in der "Glücksträumerei" bei der Protagonistin Mira (Charleen Lowack) fragen, die gleich in mehreren Ich-Versionen auftaucht, und das auch noch immer irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit: echt tricky. Zunächst scheint alles noch relativ real: Mira geht mit ihrem Freund Lionel (Kristof Klein) auf Einbruchstour, ausgerechnet im Laden von Miras Mutter. Prompt wird sie angezeigt - ein Alptraum. Mira trennt sich von Lionel, nimmt Reißaus, liegt seitdem immer wieder im Park oder am Bahnhof auf einer Bank, träumt vor sich hin, weiß nicht, wie ihr geschieht, und will eigentlich nur ein klein wenig glücklich sein.

Erzählt wird die Geschichte aus der Rückschau von einer zweiten Mira (Leonie Gottschald): Diese Mira hat aus ihrer eigenen Geschichte schon gelernt und weiß, dass das Glück weder herausgefordert, noch erreicht werden kann, sondern nur eine Frage der Sichtweise ist. Genauso wie die Wirklichkeit - alles eine Frage der Perspektive. In Miras Träumen taucht außerdem immer wieder ein ominöses Wesen auf: Arim (Lea Letsche), eine orientalisch angehauchte Prinzessin, die Mira ins Gewissen redet, alles besser weiß, sie mit sich selbst konfrontiert und immer wieder den entscheidenden Schubs gibt, ihre Probleme anzugehen und mit den jeweiligen Personen zu reden.

Regisseurin Karen Schultze hat das Stück - das von Lena Hilf aus Anlass eines Schreibwettbewerbs für junge Autoren vom Tonne-Verein zum Thema "Wege zum Glück" verfasst worden war - ebenfalls mit jungen Nachwuchsschauspielern besetzt, die eigens dafür "gecastet" worden waren. Schließlich sind die Protagonisten alles Jugendliche. Und so ist "Glücksträumerei" ein fast schon philosophisch vertracktes Stück von Jugendlichen über Jugendliche für Jugendliche, die auf ihrer Identitätssuche das Thema Schein und Sein, Traum und Wirklichkeit auch noch nicht abschließend behandelt haben.

Auf der Bühne steht eine sphärisch beleuchtete Traumbank auf mehreren übereinander geschichteten Gitterböden. Die jungen Schauspieler agieren mit souveräner Coolness, und wenn Leonie Gottschald als ziemlich entspannte Erzählerin und Kommentatorin mit dem Finger schnippt, befinden sich alle schon wieder in der nächsten Erzählwirklichkeit, als wäre das alles völlig normal.

Die "echte Mira" Charleen Lowack windet sich schon etwas aufgeregter durch ihr Abenteuer Leben - immer zwischen Einerseits und Andererseits. Hat sie doch immer wieder mit mehreren munter miteinander diskutierenden Stimmen im Kopf zu kämpfen. Sie will das Glück erzwingen, aber das Glück rennt wie immer hinterher, das weiß auch Arim, Miras aufgewecktes anderes Ich, das mitunter so real erscheint wie sie selbst: "Obwohl ich in deinen Träumen vorkomme, kann ich trotzdem Wirklichkeit sein" - sind Träume nicht auch Wirklichkeit? Und Arim flüstert Mira stets weise Sprüche und schlaue Fragen zum Thema Glück ins Ohr: Wenn Glück im Grunde nur aus Hormonen besteht, kann man es dann nicht einfach "in Tabletten pressen"?

Kristof Klein wiederum spielt ihren ziemlich machohaften Freund Lionel, der einfach ziemlich viel Pech hatte im Leben: Schlecht gelaunt und etwas selbstmitleidig gerät er auf die falsche Spur. Oder ist das bei ihm auch nur ein Alptraum? Träumen etwa beide denselben Alptraum? Ist so etwas möglich?

Marie Zils spielt den zwielichtigen Tom, einen kleinen Ghettogangster mit Kapuzenshirt und Goldringen, der einerseits andere Jungs für sich arbeiten lässt, andererseits aber längst nicht so den knallharten Kerl raushängt wie Lionel. Einerseits will Tom Lionel für sein kriminelles Dienstleistungsgewerbe anheuern, andererseits rettet er ihm das Leben. In diesem Stück ist deshalb nur eines sicher: Die Wirklichkeit ist relativ.

Info Lena Hilfs "Glücksträumerei" - weitere Vorstellungen: 12.und 13. Mai, jeweils 20 Uhr, 14. Mai: 16 Uhr, im Spitalhofkeller.

Lena Hilf - zur Autorin

Lena Hilf, mittlerweile 16 Jahre alt, besucht normalerweise das Tübinger Wildermuth-Gymnasium. Derzeit verbringt sie ein Auslandsjahr in Schweden und wurde zur Premiere ihres Stücks extra eingeflogen. Sie selbst spiele zwar in Schweden auch Theater, aber ein eigenes Stück auf der Bühne zu erleben, sei noch mal "etwas ganz Anderes". Sie habe nie gedacht, "was man aus einem Stück alles rausholen kann", das sei "unglaublich", sagte sie nach der Uraufführung in der Tonne.

Mit der Inszenierung von Karen Schultze und den jungen Nachwuchsschauspielern ist sie vollauf glücklich: "eine tolle Arbeit". Die Figuren habe sie sich fast genau so vorgestellt, auch den undurchsichtigen Tom, bei dem man ja nie genau wisse, ob er jetzt gut oder böse ist: "Das muss jeder selbst beantworten." Figuren führten ja immer eine Art Eigenleben, und die Geschichte schreibe sich manchmal "wie von selbst", sagt Lena Hilf. Und ihre Figuren sollen sich ja in den Situation "so frei wie möglich bewegen".

Sich mit verschiedenen Wirklichkeitsebenen auseinander zu setzen, finde sie höchst spannend. Auch aktuell schreibe sie an einer Geschichte über eine Person, die aufwacht, "und alles vorher war nur ein Traum: ein interessanter Gedanke", findet die 16-Jährige. "Was ist echt, was nicht?"

Ob sie auch in Zukunft in Richtung Theater geht, weiß sie noch nicht. Aber Schreiben wird sie auf jeden Fall: "Das gibt mir viel", sagt die junge Autorin. Und Karen Schultze ergänzt: "Uns auch".

KK