Corona hat auch gute Seiten, hat Pia Münch, die Kreisvorsitzende des Landfrauenverbands, schon feststellen können. „Wir sind jetzt zur Systemrelevanz erhoben worden. Das ist ein ganz neues Lebensgefühl“, scherzt die Landwirtin aus Zwiefalten, der auch aufgefallen ist, dass die Höfe und Direktvermarkter seit März mehr Kunden haben. „Schließlich kochen die Leute jetzt mehr selbst“, sagt Münch.

„Wir versorgen unser Land“

Mit der Kampagne „Von Daheim“ will die Landesregierung den Direktvermarktern und Erzeugern jetzt wenigstens marketing-technisch unter die Arme greifen. „Wir versorgen unser Land“ steht auf dem Banner, das Landwirt Markus Kern auf seinem Drei-Birken-Hof aufgehängt hat. Er macht mit bei der Regionalkampagne, die nicht nur der Kreisbauernverband, sondern auch viele Genossenschaften, Winzer und andere Verbände unterstützen. Sogar eine Von-Daheim-App gibt es, über die man via GPS-Signal erfährt, wo sich im Umkreis von 20 Kilometern Direktvermarkter befinden, bei denen man einkaufen kann. Die App funktioniert in ganz Baden-Württemberg, erklärt Thomas Pfeifle, der Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Reutlingen.
Sperrung L380 Pfullingen nach Gönningen Gönninger Straße bis zum 16. August gesperrt

Pfullingen/Gönningen

Strengere Auflagen als für einen Atombunker

Sinn von Banner und App: Die Landwirte wollen und sollen zeigen, dass sie gern für frische Lebensmittel, die direkt vom Hof kommen, ackern. Freilich ist das mit dem „gern ackern“ so eine Sache. Denn ihr Tun wird den Direktvermarktern nicht immer leicht gemacht. Viel Bürokratie und unzählige Vorschriften verleiden den Bauern ihre Arbeit. Für eine Güllegrube gäbe es bald so strenge Bauauflagen als für einen Atombunker, ärgert sich Gebhard Aierstock, der Vorsitzende des Kreisbauernverbands. Das Verbot vieler Pflanzenschutzmittel und die Geiz-ist-geil-Mentalität der Verbraucher, die wohl nirgends so ausgeprägt sei wie in Deutschland, täten ihr Übriges, um den Bauern ihre Arbeit zu erschweren.

Entlassungen bei Sauter Feinmechanik in Metzingen „Konsequenz aus der Wirtschaftskrise“

Metzingen

Mehr Investitionen für mehr Tierwohl

Viele Menschen würden ihr Fleisch bei Discountern kaufen, die mit Tiefpreisen werben. Doch wenn der Verbraucher nicht bereit sei, die höheren Preise bei den Direktvermarktern, die ganz nebenbei auch noch für den Erhalt der Kulturlandschaft sorgen, zu bezahlen – „wie sollen es die Landwirte dann schaffen, in mehr Tierwohl zu investieren?“ Eine Lösung dafür sei die Fleischabgabe, die derzeit in der Diskussion sei.

Regionale Schlachtbetriebe statt bundesweite Fleischfabriken

Regionale Erzeuger brauchen Zuschüsse – so wie zum Beispiel auch der Metzinger Schlachthof finanzielle Unterstützung benötigt, so Aierstock. „Wir haben eine Machbarkeitsstudie für den Schlachthof in Auftrag gegeben und merken jetzt schon, dass das Interesse von Tierhaltern und Metzgern, aber auch von privater Seite vorhanden ist“, sagt Aierstock, der allerdings noch viele Fragen unbeantwortet sieht. Wie schaut es mit der Kostenkalkulation für den Schlachthof aus? Und wo soll sein Standort sein? In Metzingen, irgendwo im Ermstal oder ganz woanders? Man müsse zeitnah eine Lösung finden, sagt der Chef der Kreisbauern, der den großen Aufschrei und die politische Debatte um den Tönnies-Skandal derzeit als heuchlerisch empfindet. „Das mit den Werkverträgen ist doch schon lange bekannt. Und in anderen Bereichen gibt es ähnliche Geschäftsmodelle“.

Gegenentwurf zu Tönnies und Co.

Den Gegenentwurf zu Tönnies und Co. stellen derweil der Landwirt Albert Werner und seine Familie aus Römerstein-Strohweiler dar, die in die muttergebundene Kälberaufzucht investiert haben. Den Umbau der Ställe konnten sie vor allem deshalb stemmen, weil sie Zuschüsse aus einem europäischen Innovationsprojekt bekommen haben. Denn nur mit Anreizen, nicht mit Verboten sei der Landwirtschaft geholfen, betont Werner. Ergänzend zur Kampagne des Landes und der Von-Daheim-App wären deutlich mehr Zuschüsse da für die Bauern schon eine große Hilfe.