Die Aussage der Ehefrau am zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Tübingen kam unerwartet. Und was sie sagte, überraschte die Prozessbeteiligten gleichermaßen: Sie habe bei der Vernehmung der Polizei und des Amtsrichters  nicht die Wahrheit gesagt.

Die Gesichter der Richter und des Staatsanwaltes sprachen Bände. Die Ehefrau des Angeklagten hat sich doch dazu entschieden, vor Gericht auszusagen. Dabei wich sie erheblich von dem ab, was in der Anklageschrift steht. Sie und ihr Mann hätten Streit gehabt. Er sei immer wieder zu ihr ins Zimmer gekommen, zuletzt mit dem Vorschlaghammer. Sie stritten weiter. Sie hat nach ihm geschlagen, beide haben sich geschubst. Während des Gerangels hat ihr Mann sie mit dem Vorschlaghammer am Kopf getroffen.

Andere Schilderung in Vernehmungen

Bei der Polizei und in der richterlichen Vernehmung schilderte sie die Tat damals ganz anders. Ihr Mann habe sie mit dem Hammer im Schlafzimmer überrascht, aus dem Nichts zugeschlagen und sie seitlich am Kopf getroffen. Als sie aufs Bett gefallen sei, habe er zwei weitere Male ausgeholt. Deswegen sitzt er seit April in Untersuchungshaft und muss sich wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht verantworten.

Verfahren gegen die Frau droht

Mehrfach hat der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski sie eindringlich darauf hingewiesen, dass sie bei der Wahrheit bleiben muss, auch wenn sie Mitleid mit ihrem Mann habe. Ansonsten käme auf sie ein Verfahren wegen Falschaussage bei der Polizei oder vor Gericht zu. Sie blieb trotz intensiver Befragung weinend bei ihrer Aussage vor Gericht, währenddessen ihr Mann nach vorne gebeugt mit den Händen vor dem Gesicht zuhörte. Sie bestätigte dem sichtlich verärgerten Staatsanwalt Lukas Bleier, dass sie gelogen habe und ihr Mann nach dem Treffer am Kopf nicht weiter auf sie mit dem fünf Kilogramm schweren Vorschlaghammer eingeschlagen habe. Stattdessen: „Ich bin auch selber Schuld, ich habe ihn provoziert.“

Verletzungen vom Schubsen

Die Verletzungen am Unterarm habe sie sich beim gegenseitigen Schubsen zugezogen. Von dem Messer, das er später geholt habe, habe sie nichts mitbekommen. Als Richter Polachowski es ihr zeigt, sagt sie, es würde nicht einmal zum Zwiebeln schneiden taugen. „Das ist ja kein kleines Dingelchen, es ist ein unschönes Messer, dass man nicht wegreden kann“, betonte Polachowski.

Der Grund für ihre, wie sie sagt, bislang geschilderter „übertriebene Darstellung“: Bei vorherigen Streitereien und häuslicher Gewalt sei er nie bestraft worden. „Ich dachte, wenn ich mehr erzähle, kommt er für drei bis vier Jahre ins Gefängnis und macht eine Therapie, aber zehn Jahre und dass er abgeschoben wird, das wollte ich nicht“, sagte sie unter Tränen. „Das kann ein weiteres Verfahren geben und zwar gegen sie wegen Freiheitsberaubung“, hielt ihr Bleier entgegen, worauf sie mit einem beinahe trotzigen „Ok“ reagierte.

Ermittler haben keine Zweifel an erster Aussage

Die Aussage überraschte den ermittelnden Beamten von der Reutlinger Kriminalpolizei sowie Richter Eberhard Hausch. Beide hatten keinerlei Zweifel an der Aussage. „Die Angaben und das Verletzungsbild waren für uns absolut plausibel“, sagte der Polizist. Hausch sei zwar überrascht gewesen, dass die Ehefrau in der richterlichen Vernehmung eine Aussage machte. „Insgesamt war es eine lebhafte Geschichte, sie hat begonnen zu weinen, sie hat das erlebt, es war keine runtergebetete Geschichte“, sagte Hausch aus.

2,75 Promille Alkohol im Blut

Der psychiatrische Sachverständige Stephan Bork attestierte in seinem Gutachten dem Angeklagten eine Alkoholabhängigkeit. Ihm gegenüber hat der Angeklagte während der Untersuchungshaft den Tathergang ähnlich geschildert wie die Ehefrau vor Gericht. Er habe im Garten gearbeitet, dafür den Hammer aus dem Keller geholt, nach oben getragen, damit sie ihm helfe. Dabei kam es zum Streit. Beide hätten den Hammer umfasst und nicht losgelassen, dabei sei es zum Schlag gegen den Kopf gekommen und die Frau auf das Bett gefallen. Etwa 2,75 Promille hat der Angeklagte zu diesem Zeitpunkt im Blut gehabt, hat Bork für das Gutachten errechnet. Für die Bewertung der Schuldfähigkeit ist für ihn wichtig, mit welcher Intension der Hammer ins Schlafzimmer gebracht worden ist. Also ob der Mann, wie in der Anklage geschildert, den Hammer geholt und seine Frau mit dem Schlag überrascht hat. Dann spiele der Alkohol in der Bewertung keine Rolle. Hätte er den Hammer aber aus einem anderen Grund nach oben gebracht und sie sich, wie vor Gericht geschildert, gegenseitig angegangen, dann wäre der Angeklagte seiner Ansicht nach vermindert schuldfähig.

Verteidiger Steffen Kazmeier forderte die Aufhebung des Strafbefehls. Das will Richter Polachowski erst am nächsten Verhandlungstag am Montag besprechen.

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