Wegen Vergewaltigung und Körperverletzung muss ein Mann sich vor dem Landgericht Tübingen verantworten. Am zweiten Prozesstag wurden Zeugen vernommen und intensiv zur Beziehung des Angeklagten mit seiner früheren Lebensgefährtin befragt.

Ein Bild voller Gewalt und Drogen

Zu Beginn war es eine glückliche Beziehung, doch nur Wochen später wurde sie beherrscht von Gewalt und Drogen. Das Bild, das die Anklage und die verlesene Einlassung der Frau am ersten Prozesstag zeichnete, schien sich mit den befragten Zeugen am zweiten Verhandlungstag zu bestätigen. „Ich habe ihrem Gesicht angesehen, dass es ihr nicht gut geht“, sagte die Tante vor dem Landgericht Tübingen aus.

Der ehemalige Freund ihrer Nichte ist angeklagt, diese vergewaltigt und mehrfach geschlagen zu haben. Blass habe ihre Nichte ausgesehen, die Augen seien traurig gewesen. Sie habe während der Beziehung kaum Kontakt zu ihr gehabt. „Wenn ich sie auf ihrem Handy angerufen habe, ist immer er rangegangen und hat gesagt, sie würde schlafen“, erzählt die 65-Jährige. Von der Gewalt in der Beziehung und den Drogen habe sie nichts gewusst. Nur einmal habe sie den Angeklagten wütend erlebt. Sie war mit ihrer Nichte im Spielcasino. Nach einiger Zeit sei der Freund reingestürmt, habe ihrer Nichte die Handtasche entrissen und sie aufgefordert, mit ihm zu gehen. Der Eigentümer sei dazu gekommen und habe ihn aufgefordert nach draußen zu gehen. Dort habe ein Mann im Auto auf das Paar gewartet.

Einem Freund anvertraut

Der Mann im Auto war ein gemeinsamer Freund. Kennengelernt hat er die beiden, weil die Frau Sex gegen Bezahlung auf einem Internetportal anbot. Nach dem ersten Kontakt habe sich eine Freundschaft entwickelt. Einmal die Woche habe er mindestens mit ihr telefoniert. Ihm hat sie sich immer wieder anvertraut, hat ihm auch erzählt, dass ihr Freund mit ihr gegen ihren Willen geschlafen habe. Nachgefragt habe er nicht. Er habe gemerkt wie unangenehm es der Frau war. Er erzählte zudem, dass der Angeklagte eine Scheinehe mit der Freundin eingehen wollte, um in Deutschland bleiben zu können.

Eines ließ dem Zeugen vor Gericht keine Ruhe: Der Angeklagte sei eigentlich freundlich und entspannt. Doch es brauchte nur ein Wort und er sei „explodiert“. Ob es an den grauenhaften Szenen liegt, die der gebürtige Iraker im Krieg mitansehen musste oder an den Drogen, die er nahm, wusste der Freund nicht. Die Gewalt richtete sich immer gegen die Frau, schilderte er. Einmal habe der Angeklagte die Freundin mit einem Messer bedroht. „Das ging so weit, dass ich an dem Abend alle Messer mitgenommen habe“, sagte der Mann. Eines hat er allerdings übersehen. Ein Cuttermesser trug der Angeklagte immer bei sich, wie er dem Zeugen einige Zeit später verriet.

Immer wieder Schläge

In einer anderen Situation habe er sich mit der Frau im Wohnzimmer unterhalten. In nur drei Schritten sei der Angeklagte bei ihr gewesen, habe sie ins Sofa gedrückt und ihr mehrere schnelle Schläge auf die Schläfe verpasst. Einmal musste er die Frau ins Krankenhaus fahren, weil der Angeklagte ihr mit der Handkante einen Schlag gegen den Kehlkopf versetzt hatte und sie nur schwer atmen konnte. Ein anderes Mal musste er Eis von der Tankstelle zum Kühlen holen, weil der Angeklagte der Frau so heftig ins Gesicht geschlagen hatte.

Nach den Übergriffen habe der Angeklagte sich immer reumütig gezeigt, sich um die Frau gekümmert. Dann wieder hat er sie bedroht, gesagt, er würde sie abschlachten. „Warum ist sie nicht gegangen“, fragte die Vorsitzende Richterin Mechthild Weinland. „Weil sie genau wusste, dass er sie überall findet“, antwortete der Zeuge. Ihm gegenüber hat der Angeklagte zudem gesagt: „Wenn ich sie finde, werde ich sie schlachten.“ Zu dem Zeitpunkt lief bereits die Anzeige der Frau gegen ihren ehemaligen Partner.

Mit Ex-Freund zur Polizei

Sie hatte es geschafft zu ihrem Exmann zu flüchten. Dieser drängte sie zur Polizei zu gehen. Ihm gegenüber habe sie von Drogenproblemen gesprochen und dass der Angeklagte sie zur Prostitution gezwungen habe. Außerdem habe dieser sie und die Kinder bedroht. „Es ist fast unbeschreiblich, welche Angst sie ausstrahlte“, sagte der Mann. Erst nachdem die Polizei sie suchte, weil der Angeklagte eine Vermisstenanzeige aufgegeben hat, meldete sie sich bei dem Polizist, der bei ihren Tanten nach ihr gefragt hatte.

Zu den zwölf Taten, die dem Angeklagten von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen werden, sagte die Frau am Dienstag aus – unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Eningen/Tübingen