Nikolai Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ erzählt von einem Ministerialbeamten, der schleichend in den Wahnsinn abzurutschen beginnt. Zugleich entdeckt er dabei zum ersten Mal seine individuelle Freiheit. Sarah Larisch, Regie-Assistentin am Landestheater, inszeniert Gogols Monolog mit Rolf Kindermann.
Aksenti Propristschin ist der, den alle übersehen. Zwar hat er einen soliden Job in einem Ministerium, aber die alltägliche Monotonie, die Sinnlosigkeit seiner Tätigkeit und das Übersehen werden durch seine Vorgesetzten treten irgendwann auch ihm schmerzhaft vor Augen. Auch seine hoffnungslose Liebe zur Tochter seines Chefs sorgt allenfalls für eine Abmahnung.

Gesellschaft will den Willen brechen

Schleichend aber stetig beginnt Propristschin seinen Alltag anders wahr zu nehmen. Er kann Hunde sprechen hören und ihre Briefe lesen, er meint, an ihn gerichtete Botschaften hinter den Kalenderblattsprüchen entschlüsseln zu können und schließlich wähnt er sich sogar als neuen König von Spanien. Die rigide Gesellschaft, in der er sich bewegt, kann solch ein Verhalten aber nicht allzu lange tolerieren und reagiert mit brutalen Zwangsmaßnahmen, deren einziger Zweck es ist, den Willen Propristschins zu brechen. Der jedoch findet in seinem Wahnsinn zum ersten Mal einen Weg des Widerstands.

Das Gefühl, gefangen zu sein

Sarah Larisch, seit dieser Spielzeit Regieassistentin am Landestheater, inszeniert den Monolog mit Rolf Kindermann in der Rolle Propristschins als tragikomisches Stück über einen, dem man im Alltag häufig begegnet und dann doch nie wahrnimmt. Von Gogol 1835 im russischen Zarenreich geschrieben, verlegen Larisch und Kindermann den Stoff, in einer Spielfassung von Werner Buhss, in die unmittelbare Gegenwart: „Das Gefühl, in einem System gefangen zu sein, ist ja aktueller denn je und für viele von uns sicherlich oft extrem belastend“, meint Larisch.
Aber auch das Gefühl, nicht aus Hierarchien ausbrechen zu können, ist nach wie vor Alltag für viele Menschen: „Wir glauben, dass die Herausforderungen und Schwierigkeiten, die bei Gogol geschildert werden, auch in der heutigen Zeit unabdingbar dazugehören. Die Themen Kapitalismus, Karrierismus oder Selbstoptimierung spielen heutzutage in unserer Gesellschaft noch immer eine große Rolle“, so Larisch.

Zum ersten Mal eine selbstbestimmte Freiheit

Zugleich hat der Monolog eine emanzipatorische Kraft, wie Rolf Kindermann erzählt: „Das Schöne und zugleich Tragische an dem Text ist für mich, dass Propristschin in der Entwicklung seines Wahns sich selber zum ersten Mal eine selbstbestimmte Freiheit zugesteht, die er vorher in der reinen Affirmation seiner Arbeitswelt nie empfinden konnte.“
Nach intensiven Proben freuen sich beide nun auf die Premiere, die für Larisch zugleich ihr Debüt als Regisseurin darstellt: „Die Umsetzung des Projekts war herausfordernd, hat vor allem aber viel Spaß gemacht. Dieser Prozess des gemeinsamen Auf-sich-zu-Bewegens und gegenseitigen Beflügelns hat mir gezeigt und noch einmal bestätigt, wie ich als Regisseurin arbeiten möchte.“

Info Premiere von „Tagebuch eines Wahnsinnigen. (Der Mitarbeiter)“, Monolog von Nikolai Gogol in einer Bearbeitung von Werner Buhss, ist am Sonntag, 30. Mai, um 18 Uhr auf der LTT-Hofbühne. Karten gibt es unter www.landestheater-tuebingen.de. Mit: Rolf Kindermann; Regie & Ausstattung: Sarah Larisch; Dramaturgie: Adrian Herrmann.