Schüler der Eichendorff-Realschule Reutlingen stellten dieser Tage ihren Mitschülern und Lehrern Ideen und Architekturmodelle für eine alternative Bebauung des benachbarten Listhallen-Areals vor, die sie im Rahmen ihres Kunstunterrichts entwickelt hatten. Eine hochkarätige Jury bewertete dann auch die Ergebnisse und kürte die Sieger, heißt es in einer Mitteilung der Schule.

Die Idee zu dem Projekt liegt schon ein Jahr zurück. "Es begann mit dem Abriss der Listhalle nebenan. Seitdem klafft dort eine große Baulücke. Für einen Kunstlehrer fast schon ein Glücksfall", erklärt Manfred Schechinger augenzwinkernd. Der 57-Jährige ist einer der Kunstlehrer an der Eichendorff-Realschule, der die Brache in unmittelbarer Nähe der Schule zum Ausgangspunkt für ein größer angelegtes Projekt im Rahmen des Kunstunterrichts nahm. Natürlich ist er sich im Klaren darüber, dass der geplante Theaterneubau für das Theater in der Tonne dadurch nicht ins Wanken gerät.

Zusammen mit der Referendarin Beate Steinhäuser entwickelte er ein Kunstprojekt für die neunten und zehnten Klassen. "Wir wollten damit erreichen, dass sich Jugendliche mit ihrer nächsten Umgebung aktiv auseinandersetzen und das leerstehende Gelände als Projektionsfläche für ihre Ideen und Bedürfnisse nutzen", betonte die 27-jährige Referendarin.

Zwei neunte und eine zehnte Klasse befassten sich zuerst mit dem Thema Stadt als Lebensraum und deren Aufteilung in verschiedene funktionale Bereiche. Dann erhielten die Schüler die Aufgabe, für das ehemalige Listhallen-Areal Bebauungsvorschläge zu machen. "Eine Shopping-Mall mit Starbucks-Café oder eine Apartmentanlage in Parknähe war von vornherein ausgeschlossen", sagte Manfred Schechinger, "die Vorgabe war, ein Gebäude zu planen, das den kulturellen Interessen der Anwohner und der Bewohner Reutlingens dient."

In Projektgruppen - zu zweit oder zu dritt - überlegten die Schüler Lösungsvorschläge. Beate Steinhäuser war überrascht, was da alles an Ideen zusammen kam: "Vom Lernzentrum für Schüler über Bibliotheken, Theater und Galerien bis hin zu Partyräumen und Kitas war alles dabei. Es war einfach erstaunlich, wie weit sich der Blick öffnete."

Über Monate entwickelten die Schüler ihre Ideen für die Planung und Konzeption eines Kulturzentrums, was schließlich in die Herstellung eines maßstabsgetreuen Modells mündete. Eine genaue Raumplanung musste ebenso berücksichtigt werden wie die maximale Bauhöhe und die Gegebenheiten des Geländes. "Dazu gehört schon eine gute Portion Vorstellungsvermögen", so Steinhäuser.

Für die Schüler war es nicht immer einfach, die teilweise hoch gesteckten Ziele zu erreichen. Dazu mussten im Team Absprachen getroffen und die anfallenden Arbeiten aufgeteilt werden. "Ausdauer und Teamarbeit sind wesentliche Erfahrungsmomente, die die Schüler sammeln konnten", hiet die Referendarin fest.

Manchmal wurden im Prozess Raumkonzepte experimentell verändert und überraschende Ergebnisse erzielt. Auf die Motivation und die Eigeninitiative hat sich auf das Kunstprojekt sehr förderlich ausgewirkt. "Die Schüler kamen morgens in den Unterricht, holten sich unaufgefordert die Modelle und verlangten von sich aus gleich nach Material. Besser kann es nicht sein", freute sich Manfred Schechinger. Auch die Schüler äußerten sich sehr zufrieden. "Bei dem Projekt habe ich mal wieder gelernt, dass ich oft mehr kann, als ich mir zutraue", hielt eine Schülerin der neunten Klasse für sich fest.

Am Freitag, 23. Mai, war es dann so weit. Im Ganztagesgebäude der Eichendorff-Realschule wurden die insgesamt 27 Arbeiten der Schulöffentlichkeit vorgestellt. In der großen Pause strömten hunderte Schülerinnen und Schüler durch die Ausstellung und bewunderten die Werke. Am Nachmittag kam eine hochkarätige Jury. Neben der Schulleitung und zwei Kunstlehrern der Schule waren darin Jessica Brokmann von der Industrie- und Handelskammmer Reutlingen und Frank März vom Gebäudemanagement der Stadt Reutlingen vertreten. Mit Stefan Raab und Panagiotis Makrogiannoudis waren auch zwei Architekten mit von der Partie.

Beate Steinhäuser und Manfred Schechinger stellten der Jury zunächst das Projekt vor. Anschließend hatte diese die schwierige Aufgabe, anhand einer Kriterienliste die Sieger zu ermitteln. Über eine Stunde nahmen sich die Juroren Zeit, um die Modelle ausführlich zu begutachten.

Am Ende war die Jury von den tollen Ergebnissen begeistert. "Solche Modelle sind nicht einfach umzusetzen und es steckt sehr viel Kreativität darin. Das nötigt Respekt ab", lobte Makrogiannoudis, der als Architekt bei der GWG arbeitet und dessen Kinder die Eichendorff-Schule besuchen. Auch Stefan Raab war begeistert: "Man sieht sehr wohl, wie viel Überlegung in manchen Modellen und Lösungen steckt. Nicht einmal alle Architekturstudenten bekommen so etwas auf Anhieb hin."

Die Entscheidung für die Sieger fiel dann auch knapp aus. Ein sehr detailreich gestaltetes Modell eines Kulturzentrums mit Kino, Café und Veranstaltungsräumen machte am Ende das Rennen vor zwei zweiten Plätzen. "Eigentlich sind alle Arbeiten Sieger! Das ist eine enorme Leistung", resümierte anerkennend Peter März vom Gebäudemanagement der Stadt Reutlingen.

Am Abend hatten dann auch die beteiligten Schüler und deren Eltern Gelegenheit in Ruhe alle Modelle zu bestaunen. Für Beate Steinhäuser und Manfred Schechinger war dieser Ausstellungstag ein voller Erfolg. "Gerne würden wir die Modelle auch einer größeren Öffentlichkeit vorstellen", wünschten sich die beiden. Und jetzt sind sie auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten.