VIDEOHIT KULTURSZENE "Prenzlschwäbin" Bärbel Stolz hat Hayinger Wurzeln

OTTO PAUL BURKHARDT 30.03.2015
"Langsam wird mir schwindelig", postete Bärbel Stolz noch vor ein paar Tagen. Ja, die 37-jährige Berliner Schauspielerin - und Tochter des früheren Hayinger Naturtheater-Chefs Martin Schleker - hat einen Megahit gelandet.

Ihr Video „Shit Prenzlschwaben Say“ geht voll durch die Decke (wie man heute so sagt), wird rauf und runter geliked und geklickt – mehr als eine Million mal im „Gesichtsbuch“.

Um was geht’s? Um ein heftig diskutiertes Thema: Schwaben im Prenzlauer Berg. Die werden bekanntlich in Berlin ziemlich gebasht (mit Schmierereien wie „Schwaben raus“). Vielleicht auch ein wenig deshalb, weil sie von vielen mit dem ungeliebten Trend der Gentrifizierung in Verbindung gebracht werden. Sprich: Mit jenem unseligen Strukturwandel mancher Viertel, bei dem ärmere, alteingesessene Kiezbewohner durch wohlhabende Zuwanderer verdrängt werden. Stichwort: „Spätzle-Krieg“. Und Hand aufs Herz: Wer schon mal am Kollwitzplatz war, hat sie schon erlebt – jene Exil-Schwaben, auf die gleich eine ganze Reihe von Klischees zutreffen könnte: betulich, bio, besserwisserisch und betucht.

Bärbel Stolz geb. Schleker wiederum, die ihr Schauspieler-Handwerk an der renommierten Hochschule „Ernst Busch“ gelernt hat, nimmt sich in ihrem neuesten Knaller-Clip dieses heiß umstrittenen Themas mit viel schwäbischer Selbstironie an. So, dass die meisten Klicker ihr Video saugut finden („wir haben uns weggeworfen vor Lachen“), oder, um im Dialekt zu bleiben: „brudal luschdig“.


 

Die quirlige, als Schauspielerin viel beschäftigte Schleker-Tochter war unter anderem in „Türkisch für Anfänger“ oder im Film „Fack ju Göthe“ zu sehen. Und als Wahlberlinerin seit 1996 weiß sie, wovon sie spricht. Sie kennt schwäbelnde Prenzlberger sehr wohl, auch wenn sie selbst nach Jahren in Friedrichshain und Kreuzberg aktuell in Berlin-Mitte lebt.

Aber mal ehrlich, ihr aktuelles Video „Shit Prenzlschwaben Say“, das sie zusammen mit ihrem Bruder, dem Drehbuchautor Martin Schleker, getextet hat (ihr Mann Sebastian ist Produzent), ist wirklich zum Wegschmeißen – im positiven Sinne. Zum Scheckig-Lachen. Bärbel Stolz, die zum Thema „Prenzlschwäbin“ bereits 20 Clips ins Netz gestellt hat, mimt darin mit einem Kollegen ein junges, hippes, dezent schwäbisch sprechendes, wohlhabendes Öko-Pärchen in Berlin. Die beiden stehen am Spielplatz und sprechen mit ihren klischeegemäß heillos verzogenen Kinderlein. Die Mama, gespielt von Bärbel Stolz, ermahnt das Töchterlein: „Gwyneth, net scho wieder auf d’Rutsche bronza!“ Ihr Mann bittet den Sohnemann pädagogisch korrekt: „Friedrich-Anthony, gibsch Du bitte der Wikipedia ihr Schäufele wieder?“ Die andere Tochter wird an den Oberschichtkinder-Stundenplan erinnert: „Xenia-Adelheid, mir müsset jetzt zum Tuba-Unterricht!“

Ja, so geht’s manchmal zu – am Kollwitzplatz oder so. Und wie gesagt, Bärbel Stolz, selbst zweifache Mutter, liefert hier kein Selbstporträt ab, sondern treibt real existierende Stereotypen einfach nur mit viel Witz auf die Spitze. Kein Wunder, dass das Video geklickt und geklickt wird. „Es wird hoch emotional diskutiert“, schreibt Bärbel Stolz. Für die Schwaben in Berlin, auch wenn sie noch so bemühtes Schwäbisch-Hochdeutsch schprechen, gilt eben folgender Satz: „Egal, wo du hingehst, du nimmst dich selber halt immer mit, gell!“

Jetzt aber weiter im Video. Das Pärchen bleibt auch beim Besuch eines – selbstverständlich – oberhippen Lokals immer schwäbisch-kritisch. „Isch dees Bio?“ fragt sie. „Isch dees regional?“ hakt er nach. Dann hagelt’s Beanstandungen: „I hab’s wirklich deutlich gsagt: Der zweite Cortado mit Mandelmilch!“ Auch er grummelt: „Die henn hier gar koi Kokosnuss-Wasser!“

Bei der Erziehung setzt das „Bäärle“ auf Qualität: „Ons war’s halt wichtig“, räsonniert die Muddi mit schwäbischem Migrationshintergrund, „dass onsre Kendr von Anfang an Vielfalt erläbat – deswäge hemmr drauf gachtet, dass es in der Kita au Berliner Kendr gibt.“ Wie? Da staunt der Babba: „Gibt’s dees noch?“ Auch bei der Wahl angesagter Wohnviertel sind sich die beiden Berlin-Immigranten einig: „Also Mitte geht gar net!“

Klar, dass Bärbel Stolzens Video auch augenzwinkernd mit dem Gentrifizierungs-Thema spielt. Etwa, wenn der schwäbische Start-Up-Papa sich bei der Wohnungssuche selbst von sackteuren Quadratmeter-Preisen nicht schocken lässt: „Subbr! No komm’e morga zur Besichtigung!“

Wie auch immer: Es wird weitergehen im „Spätzle-Krieg“. Doch Schwaben in Berlin, das gab’s schon immer. 1988 gründete der Rockpalast-Moderator Albrecht Metzger in Berlin das schnell berühmte Exil-Theater „Schwabenoffensive“. Heute schätzt man in der Hauptstadt die Population aus dem Ländle auf rund 300 000. Da liegt es auf der Hand, dass etliche eingeborene Berliner von einer „Invasion“ sprechen. Und klar, es gab schon auch unschöne Exzesse und Schwabenhass-Entgleisungen.

Doch Bärbel Stolz geb. Schleker, lange Jahre auf der Hayinger Alb zu Hause, zeigt mit ihrer Clip-Serie, dass Berliner Schwaben auch über sich selbst lachen können. Und sie zeigt, dass ein bisschen Humor gut tut, gerade in Zeiten, da sich in beiden Lagern schon viel zu viel beleidigte Leberwürste finden. Bärbel Stolz wird offenbar mit Schlekerscher Chuzpe am Thema bleiben – sie plant wohl ein Buch über eine Schwäbin in der Spree-Metropole. Titel „. . .then we take Berlin“. OTTO PAUL BURKHARDT

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