"Jetzt fängt's wirklich an": So eröffnete Rosemarie Henes im Kulturzentrum franz.K die Auftaktveranstaltung zu "Kultur ohne Ausnahme". Dieses inklusive Projekt sei "eine logische Folge" des Festivals "Kultur vom Rande", das Musik, Tanz, Theater und Kunst aus ganz Europa nach Reutlingen einlädt und somit Künstlern mit und ohne Handicaps ein Forum bietet.

Die Ziele, die das alle drei Jahre angesetzte Festival verfolgt, sollen nun regelmäßig vorangetrieben werden, sozusagen täglich, ständig, permanent, "im regulären Betrieb der Stadt", so Rosemarie Henes, in verstetigter Form. Das Projekt nennt sich denn auch "Kultur ohne Ausnahme" und ist erst einmal auf drei Jahre ausgelegt.

Um dauerhaft die Inklusion im kulturellen Leben voranzubringen, gibt es seit dem Frühjahr ein Kulturbüro der Bruderhaus-Diakonie. Ziel ist es, Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderung bei Tanz-, Theater- und Musikveranstaltungen zu etablieren. Das Projekt "Kultur ohne Ausnahme", das im August angelaufen ist, wird von der Aktion Mensch mit über 240 000 Euro gefördert.

Die Definition lautet so: "Das Projekt will das kulturelle Leben der Stadt Reutlingen untersuchen, um Barrieren zu erkennen, abzubauen und bessere Zugänge zu Kunst und Kultur zu ermöglichen." Die Projektleitung liegt bei Rosemarie Henes und Prof. Elisabeth Braun.

Mit im Boot sind ferner Markus Christ vom Kulturbüro und Harald Sickinger von der "Agentur für unschätzbare Werte". Und hinter dem Projekt stehen die Initiative Baff (Bildung, Aktion, Freizeit, Feste), damit auch die Lebenshilfe Reutlingen und die Bruderhaus-Diakonie, ferner die nach Ludwigsburg abgewanderte Fakultät für Sonderpädagogik, zudem die Volkshochschule, das franz.K, das Kulturamt und die erwähnte Agentur, die im Gegensatz zum wirtschaftlich Verwertbarem die - im doppelten Sinne - "unschätzbaren" Werte des Menschen fördern will.

Über die Zielsetzung des Projekts informierte ein ebenso informatives wie unterhaltsames Video. "Kultur für alle - dees isch prima!" antwortet da ein Passant bei einer Straßenumfrage. "Kultur ist alles, was unsere schnelllebige Zeit überdauert", meint eine Rollstuhlfahrerin. Oft sind es ganz praktische, alltägliche Fragen, die beim Thema Inklusion von den Betroffenen, die gleichzeitig auch "Experten" sind, angemahnt werden: die Frage nach barrierefreien Zugängen etwa, nach Behindertentoiletten, nach geschultem Veranstalter-Personal, nach klarer Beschilderung und mehr.

Vertreter von zwei Projekt-Partnern, franz.K und VHS, standen Rede und Antwort. Das franz.K, erläuterte Geschäftsführer Andreas Roth, biete zwar schon etliche inklusive Veranstaltungen an und sei auch Spielort des Festivals "Kultur vom Rande". Doch er sehe "viele Möglichkeiten, um das noch zu verbessern". Das franz.K sei bemüht, da ständig "den Fokus zu weiten". Roth begrüßt es, dass "programmatische Bestandteile des Festivals nun auch im Alltag ankommen", dass mehr und mehr "Menschen mit besonderen Fähigkeiten und Behinderten-Erfahrung" die Künstler- und Zuschauerseite bereichern.

Auch die VHS, sagt Thomas Becker, Fachbereichsleiter Kultur, sei bereits seit Jahrzehnten "Raumgeber" für inklusive Veranstaltungen. Und er hoffe, dass nach den veranschlagten drei Projektjahren "kein Endpunkt" erreicht sei, sondern dass "ein weiterer Startschuss" erfolge. Markus Christ vom Kulturbüro, der mit einer halben Stelle seinen Schreibtisch im Kulturamt bezogen hat, skizziert seine Aufgabe so: "Es gibt schon viele kleine Netze. Jetzt geht es darum, ein großes Netz daraus zu machen."