Kommunen Kultur ist kein Wirtschaftsgut

Marc Grandmontagne sprach am Freitag beim Runden Tisch Kultur über die „Entwicklung der Kultur in den Kommunen“.
Marc Grandmontagne sprach am Freitag beim Runden Tisch Kultur über die „Entwicklung der Kultur in den Kommunen“. © Foto: Foto. Jürgen Spieß
Von Jürgen Spieß 19.11.2017

Kultur in Städten und Gemeinden – ein spannendes, vielseitiges und nicht selten auch konfliktbehaftetes Thema: Marc Grandmontagne, der neue Direktor des Deutschen Bühnenvereins, war am Freitagabend zu einem erweiterten „Runden Tisch Kultur“ in die Stiftung für Konkrete Kunst gekommen, um über das Thema „Die Entwicklung der Kultur in den Kommunen“ zu sprechen. Eingeladen hatte das Kulturamt der Stadt gemeinsam mit dem Netzwerk Kultur Reutlingen e.V. sowie dem Arbeitskreis Kulturkonzeption 2030. Die Einführung übernahm Oberbürgermeisterin Barbara Bosch.

Marc Grandmontagne und die Stadt Reutlingen haben etwas gemeinsam: Sie haben beide Kulturkonzepte auf den Weg gebracht, die bei zahlreichen Kulturschaffenden für Aufbruchstimmung sorgten. Während in der Achalmstadt der dritte und letzte Pfeiler der Kulturkonzeption mit dem Neubau des Theaters Tonne verwirklicht wird, war Grandmontagne unter anderem in leitender Funktion an der Umsetzung des Kulturhauptstadtprojekts „RUHR 2010“ beteiligt. Zudem arbeitete er als Programmleiter bei der Stiftung Mercator in Essen und war anschließend Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft. Seit Anfang des Jahres begleitet er als gewählter Direktor des Deutschen Bühnenvereins eines der einflussreichsten kulturpolitischen Ämter in der nationalen Kulturlandschaft.

In seinem Vortrag gibt der studierte Jurist und Politologe Einblicke in die Kulturpolitik und spricht über die zentrale Rolle, die Kultur in jeder Kommune spielen sollte. Er kritisiert die zunehmende „Marginalisierung der Kulturpolitik“, die ständige Infragestellung einer Notwendigkeit von Kunstproduktion und kämpft dafür, dass Theater nicht nur als betriebswirtschaftliche Institutionen betrachtet werden: „Sich wirtschaftlich zu rechnen, ist nicht die Hauptaufgabe eines Theaters“, unterstrich Grandmontagne, es sei Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass sich künstlerische Arbeit in fairer Bezahlung und sozialer Absicherung niederschlage. Gleichwohl führe die Ökonomisierung der Kultur dazu, dass man als Kulturpolitiker einen schweren Stand habe: „Sie werden häufig in die Lage versetzt, aus einer defensiven Position zu argumentieren“, sagt Grandmontagne, denn viele verstehen Kultur nicht nur als Bedeutungsträger, sondern als Ware.

Grandmontagne sieht sich selbst als Vermittler zwischen Kultur und Politik und verweist darauf, dass Kulturpolitik eine wichtige Aufgabe für die ganze Kommune sei. Gerade Reutlingen habe diese Aufgabe durch die Verwirklichung der dreigliedrigen Kulturkonzeption „vorbildlich gelöst“. In der Achalmstadt wurden wichtige Voraussetzungen geschaffen, um über alle Schwierigkeiten hinweg Kunst und Kultur zu ermöglichen. Wesentlich sei in diesem Zusammenhang vor allem die Bereitschaft zur Kommunikation und Kooperation: „Sinn einer Kulturkonzeption ist es stets, im ständigen Austausch Kompromisse zu finden“, erläutert der Bühnenvereins-Direktor, und das sei in der Achalmstadt gelungen.

Da Kulturförderung eine freiwillige Leistung der Kommunen sei, müsse immer wieder neu festgelegt werden, was geht oder was nicht zu finanzieren sei. Grandmontagne spielt damit auf „die nicht gerade berauschende Finanzlage der Kommunen“ an, wobei die Situation in Reutlingen noch vergleichsweise gut ist. Deshalb fordert er so etwas wie eine zukunftsorientierte Kulturallianz, „in der städtische Institutionen wie Museen, Theater oder Konzerthäuser sich als gemeinsam wirkend begreifen“. In diesem Zusammenhang schlägt er eine engere Kooperation zwischen Reutlingen und Tübingen vor: „Das Wichtigste ist, Kunst und Kultur zu ermöglichen und den Mut aufzubringen, notwendige Entscheidungen zu treffen“, betont Marc Grandmontagne zum Abschluss seines Vortrags.

Auch Oberbürgermeisterin Barbara Bosch und Reutlinger Kulturschaffende verweisen in ihrer Einführung und bei der abschließenden Diskussion auf die besondere Bedeutung von Kunst und Kultur in der Kommune. „Denn“, so Barbara Bosch, „Kultur lebt mit unserer Gesellschaft und gehört zur städtischen Identität.“