Die Zeiten ändern sich, die Hörgewohnheiten der Menschen auch. Der Umbau, der Wandel ist permanent. Keine Philharmonie-Saison gleicht der andern. Auch in der kommenden Spielzeit 2015/16 plant Intendant Cornelius Grube wichtige Neuerungen.

Zum einen gibt es, nach rund 55 Jahren, eine Namensänderung. Statt "Werkkonzert" heißt es künftig "Kaleidoskop" (wie berichtet). Die Idee zu den Werkkonzerten ging 1949 von Reutlinger Betrieben aus - mit Kartenkontingenten für Belegschaften. Die bis heute beliebte Reihe steht inzwischen für etwas Anderes - für Konzerte, die den Horizont der Klassik erweitern mit Ausflügen in Pop, Rock, Jazz oder Musical. Seit Jahren schon erwog man eine Umbenennung. Alternativtitel wie "Klangwelten - Weltklänge", "grenzenlos" oder "freestyle" waren im Gespräch. Doch man entschied sich nun für "Kaleidoskop" - ein Bild in verschiedenen Formen betrachten, Klassik in vielen Crossover-Varianten hören: Das passt.

Die zweite Neuerung: Die Philharmonie führt - "als erstes Orchester in Baden-Württemberg", wie Grube betont - eine kleine Konzertreihe für Demenzkranke ein. "Seelen-Balsam" heißt das Motto: "Die Beschäftigung mit Musik ist für solche Menschen wichtig", erläutert Grube. Das Orchester sieht dieses Projekt mit zwei Nachmittagskonzerten auch als gesellschaftliche Verpflichtung. Die Lechler-Stiftung übernimmt die Hälfte der Kosten und unterstützt die Reihe fürs Erste über einen Zeitraum von drei Jahren.

Schließlich plant die Philharmonie - das ist die dritte wichtige Neuerung - nach dem äußerst erfolgreichen "Fokus Türkei" (2013) in der kommenden Saison einen "Fokus Jüdische Diaspora". Dieser Schwerpunkt innerhalb des Programms umfasst vier Teile, ein Sinfoniekonzert, ein Werkkonzert - pardon: ein Kaleidoskop, eine Matinee und eine Ausstellung. Beim Sinfoniekonzert (21. März) kommen neben Mahler auch Werke des aus Fürth stammenden, 1956 in der USA-Emigration verstorbenen Jakob Schönberg zur Aufführung. Am Pult steht der 80-jährige israelische Kompositionslehrer Noam Sheriff, er wird auch ein eigenes Werk ("Genesis") dirigieren. Sephardische Klänge - geprägt von der iberischen Kultur - stehen im Mittelpunkt eines Kaleidoskop-Konzerts (7. April) der Ladino-Sängerin Yasmin Levy. Eine Matinee (3. April) bringt Werke von Bloch, Schulhoff und Steve Reich zu Gehör, und eine Ausstellung (ab 25. Februar) zeigt Fotografien von Jochen Gewecke - Thema: "Moschee, Kirche, Synagoge".

Zudem beteiligt sich die Philharmonie an der Aktion Sterntaler. Sozial benachteiligte Kinder können Proben besuchen und ein Instrument erlernen. Schließlich wirkt das Orchester auch bei der nächsten Reutlinger Kulturnacht am 26. September mit. Zunächst mit ihrem nachmittäglichen "Tag der Philharmonie". Bei diesem Tag der offenen Tür können unter anderem Hobbybläser(innen) mit Chefdirigent Rudner Mussorgskys Prachtwerk "Das große Tor von Kiew" einstudieren - damit wird dann um 18.30 Uhr vor der Stadthalle die Kulturnacht eröffnet. Eher indirekt beteiligt ist die Philharmonie auch bei dem Lichtkunstprojekt Casa Magica: Dabei können Besucher der Kulturnacht mit einer speziellen App große Bildprojektionen auf Gebäude werfen, die zusammen mit "Klangfetzen" des Philharmonie-Cellisten Friedemann Dähn eine Art Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton ergeben.

Die Auslastung der Konzerte, bilanziert Intendant Grube, sei hervorragend. Und bei den Abonnements sammelt sich schon wieder eine "irrsinnige Warteliste". Das Orchester sei endgültig "in der Stadthalle angekommen". Aber auch auswärts ist die Philharmonie gefragt: Geplant sind eine Italien-Tournee, Konzerte in München, Luzern, Zürich, Frankfurt und Heidelberg ("immer ausverkauft, ein sehr junges Publikum", schwärmt Grube). Ach ja, auch in Tübingen wird das Orchester präsent sein, bei einer "Wallander"-Oper des schwedischen Komponisten Fredrik Sixten, die dann auch in Ystad, wo Henning Mankells Kommissar-Figur ermittelt, aufgeführt werden soll. Spannend!

Mehr zu Ola Rudner: im Kasten links. Mehr zu den Sinfoniekonzerten und zur Kaleidoskop-Reihe: im Info-Kasten unten.

Das Programm der nächsten Saison im Überblick - Sinfonie- und Kaleidoskopkonzerte

Neun Sinfoniekonzerte sind in der Saison 2015/16 wieder geplant. Zum Auftakt am 21. September dirigiert Ola Rudner Strawinskys "Petruschka", ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts, und der mehrfach preisgekrönte ungarische Nachwuchsgeiger Barnabás Kelemen spielt das Brahms-Violinkonzert. Ebenfalls unter Rudner erklingt am 19. Oktober Tschaikowskis "Pathétique"-Sinfonie, außerdem Beethovens Klavierkonzert Nr. 2 mit dem aus Singapur stammenden Tastenstar Melvy Tan. Daniel Meyer, Jansons-Assistent und heute Chef des Erie Philharmonic, leitet am 16. November Schumanns Vierte, und der Schlagzeuger Alexej Gerassimez führt ein Werk der US-Komponistin Jennifer Higdon auf. Unter Gastdirigent Darrell Ang gibt's am 14. Dezember Mozart, Bizet und von Saint-Saëns das zweite Klavierkonzert - mit dem französischen Solisten Jean-Philippe Collard. Am 25. Januar folgt ein Wiederhören mit Ex-Philharmonie-Chef Norichika Iimori, der Ravels Suiten zu "Daphnis et Chloé" aufführt. Ola Rudner widmet sich am 22. Februar den "Don Quixote"-Variationen von Richard Strauss mit dem persisch-stämmigen Jung-Cellisten Kian Soltani - auch der hier schon bekannte österreichische Komponist Helmut Schmidinger trägt eine Uraufführung zum Thema Don Quixote bei. Der Israeli Noam Sheriff dirigiert am 21. März den Fokus Jüdische Diaspora. Und unter Ola Rudner kommt am 25. April Schostakowitschs Zehnte zu Gehör, zudem Alexander Arutjunjans Trompetenkonzert mit dem norwegischen Solisten Ole Edvard Antonsen. Seinen Abschied als WPR-Chefdirigent feiert der Schwede Ola Rudner schließlich am 6. Juni - programmatisch mit einem nordischen Großwerk: Griegs "Peer Gynt".

Acht Kaleidoskop-Konzerte Die Reihe startet mit einer Lateinamerikanischen Gitarrennacht - es spielt unter anderem das in Reutlingen verwurzelte Duo Katrin Klingeberg und Sebastián Montes (1. Oktober). Auf den Gesangsabend mit dem Wiener Staatsopern-Tenor Herbert Lippert (19. November) folgt das Weihnachtskonzert mit dem Reutlinger Panflötisten Ulrich Herkenhoff (3. Dezember). Das Faschingskonzert (4. Februar) steht unter dem Motto "Der Cyberdirigent". WPR-Konzertmeister Fabian Wettstein spielt die "Vier Jahreszeiten" von Vivaldi und Piazzolla (3. März). Weitere Kaleidoskop-Termine: Sephardische Klänge (7. April), Jazz-Crossover mit Posaunist James Morrison (12. Mai) und ein Stummfilmkonzert zu Chaplins "Lichter der Großstadt" (23. Juni). Infos über Matineen, RT vokal, Familienkonzerte auf www.wuerttembergische-philharmonie.de.

OP