Reutlingen Krisen überwinden ist möglich

Reinhold Eisenhut, Uwe Armbruster, Andreas Krainhöfer, Birgit Eisele und Joachim Flohr (von links) freuen sich über das neue Zuhause des Gemeindepsychiatrischen Zentrums, das jetzt im Friedrich-Naumann-Haus untergebracht ist.
Reinhold Eisenhut, Uwe Armbruster, Andreas Krainhöfer, Birgit Eisele und Joachim Flohr (von links) freuen sich über das neue Zuhause des Gemeindepsychiatrischen Zentrums, das jetzt im Friedrich-Naumann-Haus untergebracht ist. © Foto: Foto. Norbert Leister
Reutlingen / Von Norbert Leister 01.08.2018

Es braucht eine ganze Weile, bis man den Stempel akzeptiert, sagt Birgit Eisele. Denn: Wer will den schon haben, diesen Stempel, psychisch krank zu sein? Joachim Flohr geht offensiv damit um, weil eigentlich klar sein sollte: Psychisch erkranken kann jede und jeder. Flohr arbeitet mit bei einem Projekt namens „Verrückt – na und?“. Er geht in Schulen, berichtet über sein Leben, über die Krankheit und auch darüber, wie man damit leben kann. Dass dazu eine ganze Menge Mut gehört? „Naja, ich finde das jetzt nicht so schlimm“, betont der Experte in eigener Sache.

Birgit Eisele ist als Klientin vor fast sieben Jahren im Gemeindepsychiatrischen Zentrum in Reutlingen angekommen. „Ich wollte zurück ins Leben“, erinnert sie sich. Und sie hat es geschafft, „es war wichtig, mich hier auszuprobieren“, berichtet Eisele. Vor sieben Jahren habe sie sich fast gar nichts mehr zugetraut, „ich konnte nicht mal mehr Auto fahren“. Von der Psychiatrischen Institutsambulanz kam sie langsam in die „Zuverdienstmöglichkeit“, eine kleine Produktionswerkstatt. „Dort konnte ich mich ausprobieren“, sagt Eisele. Heute arbeitet sie im Kontaktcafé mit, hilft anderen Klienten. „Das ist wie eine richtige Familie.“ Wichtig sei für alle Menschen, die in das Zentrum kommen: „Hier kann man sein, wie man ist“, betont sie.

Dem stimmt Reinhold Eisenhut als Geschäftsführer des Vereins für Soziale Psychiatrie (vsp) zu: „Wir holen die Menschen da ab, wo sie stehen – schließlich wächst das Gras nicht schneller, wenn man dran zieht.“ Insgesamt finden sich vier Träger unter dem Dach des Gemeindepsychiatrischen Zentrums wieder. Das war schon zu Beginn so, also bei der Gründung des Zentrums im Jahr 1996. Heute sind es mit den Gemeindepsychiatrischen Hilfen (GP.rt) der Bruderhaus-Diakonie, dem vsp, dem Integrationsfachdienst und der PP.rt immer noch vier Träger – die mit sieben Diensten für psychisch kranke Menschen angefangen hatten.

„Heute sind es elf Dienste“, berichtet Andrea Krainhöfer als Leiterin der GP.rt. Darunter finden sich nicht nur die Hilfen im Haus, sondern auch aufsuchende Dienste, wie Uwe Armbruster als Pflegedirektor der PP.rt erläutert. Schließlich zeige die Erfahrung, dass psychisch kranke Menschen nicht unbedingt den Mut und die Kraft haben, um in das GP.rt im Friedrich-Naumann-Haus zu kommen und sich dort die jeweilig mögliche und notwendige Hilfe zu holen. Der Standort in der Gustav-Werner-Straße 8 ist mittlerweile der dritte in den zurückliegenden 22 Jahren – „geografisch haben wir uns allerdings nicht weit bewegt“, sagt Eisenhut mit Augenzwinkern. Ursprünglich war das Zentrum im Krankenhäusle der Gustav Werner Stiftung .untergebracht – „damals war diese Einrichtung einzigartig in ganz Baden-Württemberg“, erzählt Krainhöfer.

Als bekannt wurde, dass die Reutlinger Stadthalle in direkter Nachbarschaft gebaut werden sollte, „da war klar, dass der Baulärm nicht zumutbar sein würde“, betont Eisenhut. Der Umzug in das Hamburg-Mannheimer-Hochhaus war schnell beschlossene Sache, allerdings blieb das Zentrum acht Jahre in dem als Provisorium vorgesehenen Räumlichkeiten. Nach der Sanierung des Friedrich-Naumann-Hauses, nur wenige Meter von Hochhaus entfernt, „haben wir uns im Vergleich zum Krankenhäusle flächenmäßig wohl verfünffacht“, unterstreicht Eisenhut.

Optimaler Standort

Der Umzug in das Naumann-Haus erfolgte zum Ende des vergangenen Jahres, der neue Standort sei optimal, „er ist nach wie vor zentrumsnah, aber nicht auf dem Präsentierteller“, so der vsp-Geschäftsführer. An einen erneuten Einzug ins Krankenhäusle sei übrigens nie gedacht worden – weil die Flächen dort schon vor dem Auszug zu klein gewesen seien. Allerdings fänden sich am neuen Standort nicht alle Hilfen, die psychisch kranken Menschen in Reutlingen zur Verfügung stehen. „Das wollten wir auch nicht, sonst wäre hier ein regelrechtes Ghetto entstanden“, betonte Eisenhut.

Dennoch habe sich im Lauf der Jahre die hohe Anzahl der Dienste unter einem Dach bewährt – die Vernetzung sei bestens und das Ziel laute nach wie vor: „Das Beste für die Klienten zu erreichen“, sagt Andrea Kreinhöfer. Und die Botschaft, die Klienten wie Birgit Eisele und Joachim Flohr aussenden, heiße: „Sie haben die Erfahrung gemacht, dass man Krisen überwinden kann“, betont die GP.rt-Leiterin.

11

Dienste von insgesamt vier Trägern  sind jetzt im Gemeindepsychiatrischen Zentrum im zentrumsnah gelegenen Friedrich-Naumann-Haus unter einem Dach vereint.

Zurück zur Startseite