Klassik Krieg und Aufbruch zu den Sternen

Mozarts A-Dur-Violinkonzert mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter Fawzi Haimor und Lena Neudauer: Die Solistin agierte feingliedrig und leicht, das Orchester zeigte sich zum Spielzeit-Start in der Stadthalle gut aufgelegt.
Mozarts A-Dur-Violinkonzert mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter Fawzi Haimor und Lena Neudauer: Die Solistin agierte feingliedrig und leicht, das Orchester zeigte sich zum Spielzeit-Start in der Stadthalle gut aufgelegt. © Foto: Marinko Belanov
Reutlingen / Von Otto Paul Burkhardt 18.09.2018

Wer will, kann das alles streamen, downloaden oder sonst noch was. Doch Hand aufs Herz: All die „Digital Concert Halls“ sind nur ein Ersatz. Noch immer ist es das Live-Erlebnis, das zählt. Deshalb – und weil mit Fawzi Haimor ein charismatischer Chefdirigent am Pult steht – strömen die Leute nach wie vor in die Sinfoniekonzerte. So auch am Montag in die Stadthalle, wo Haimor mit der Württembergischen Philharmonie seine nunmehr zweite Spielzeit antrat.

 Aber wie! Dass der 35-jährige US-Amerikaner mit jordanisch-libanesisch-philippinischen Wurzeln so gut ankommt, liegt auch an seinem Auftreten: Den Applaus zum Beispiel nimmt er nie auf dem Dirigierpodest entgegen, sondern mitten im Orchester, im Schulterschluss mit seinen Musikern – schon allein wegen dieser Geste (andere Pultgrößen sind da viel „ichiger“ gestrickt) haben ihn viele ins Herz geschlossen.

Andererseits prägt er - wie schon lange keiner mehr – deutlich den Klang des Orchesters neu. Auch beim Saisonstart war er wieder da, der typische Haimor-Sound – luzide, durchhörbar, detailreich schillernd, aber auch zum Bersten geladen mit mitreißend entfesselter Energie. Verdienstvoll auch, dass die Philharmonie die Saison mit einem Werk des 20. Jahrhunderts beginnt – mit der „Sinfonie in einem Satz“ von Bernd Alois Zimmermann (der heuer 100 Jahre alt geworden wäre), und zwar in der zweiten, gerafften Fassung ohne Orgel (1953).

Ein musikalischer Wurf, in dem die Schrecken des Zweiten Weltkriegs noch unmittelbar präsent sind. Unglaublich, mit welcher Präzision und emotionalen Dichte Haimor zu Werke geht, wie packend er dieses auskomponierte Nachbeben der Katastrophe gestaltet – als gewaltiges, irrlichterndes, zerrissenes Nachbild zwischen Apokalypse und Versenkung, zwischen Bedrohung und Meditation.

Raunende Kontrabässe, fahle Streicher, Misterioso-Arpeggien in den Harfen, dann wieder martialisch dröhnende Rhythmen, grelle Holzbläser, schrilles Blech – all das wird hoch dramatisch und mit spirituellem Tiefgang inszeniert. Das Beste, was die Philharmonie seit Langem geboten hat. Und ein deutlicher Beweis, dass das Orchester unter Haimor einen weiteren Qualitätssprung nach vorne vollzogen hat.

Prompt folgt der größtmögliche Kontrast: Mit Mozarts A-Dur-Violinkonzert KV 219 (1775) finden wir uns in einer völlig anderen Sphäre wieder. Die Philharmonie ist fast auf Kammerbesetzung reduziert und bemüht sich um halbwegs historisch informiertes, vibratoarmes, atmendes Spiel.

Und Haimor dirigiert nun ohne Stab, modelliert die feinsinnig-heitere Klangwelt mit bloßen Händen.

Die Solistin Lena Neudauer, seit Jahren Stammgast beim Bad Uracher Musikherbst, agiert ruhig, unkapriziös, fast eine Spur zu sachlich-verhalten. Kein virtuoses Auftrumpfen, nirgends. Der Mozartsche Esprit, immer wieder in blitzartigen Moll-Eintrübungen erkennbar, kommt bei Neudauer eher gezähmt daher.

Ihr Ton wirkt feingliedrig und leicht, den langsamen Satz musiziert sie in spröder Tonschönheit mit zeitvergessenen Längen, auch das Finale kommt brav, artig und mit gebremstem tänzerischem Drive daher.

Nein, Lena Neudauer hat mit den exaltierten Präsentations-Methoden im heutigen Klassik-Business nichts am Hut, setzt eher auf schlichte Präzision und innerlich leuchtende Klänge.

Die Zugabe – Eugène Ysaÿes Sonaten-Prélude mit dem bezeichnenden Titel „Obsession“ – ist eigentlich eine Art innerer Kampfmonolog eines Supergeigers, der mit Bach-Zitaten, schroffen Abbrüchen („brutalement“) und dämonischem „Dies irae“-Horror ringt. Lena Neudauers Version dagegen wirkt, in ihrer verständlichen Distanz zum Teufelsgeiger-Klischee, zwar makellos, aber seltsam kühl.

Schließlich Mahlers Erste (1899): Prallvoll mit seinerzeit neuen Elementen, mit verzerrten Collagen aus der Welt bisher nicht sinfoniewürdiger Trivialmusik. Auch hier ist die Probenarbeit hörbar, das Feilen am Detail, sodass man mit Fug und Recht von einer eigenständigen, beeindruckenden Lesart sprechen kann. Schon der Auftakt – stark!

So flirrend wie unter Haimor hat man die Morgenstimmung der ersten Takte wohl selten erlebt, mit kecken Vogelrufen, verwehten Kindheits- und Heimat-Reminiszenzen – ebenso punktgenau gezeichnet wie schwebend, ja, vibrierend interpretiert.

Es ist ein ungeheurer, von widersprüchlichen Kräften auseinander getriebener Kosmos, den Haimor mit dem Orchester da auffächert: aus zerstörten Idyllen und unbändiger Lebensfreude, aus grotesk verzerrten Wirtshaus-Ländlern und bittersüßen Sehnsuchts-Walzern.

Haimor und die Philharmonie präsentieren einen Mahler, der gerade im Aufeinanderprallen kaum mehr zu kittender Gegensätze, die ein zerrissenes, teils surreales Lebensgefühl spiegeln, ungeheuer modern anmutet.

Von wenigen Abstrichen mal abgesehen – etwa Formschwankungen in den Hörnern, war dieser Mahler ein Erlebnis, barg große, magische Momente. Spektakulär und beklemmend: der vielzitierte „Aufschrei eines im Tiefsten verwundeten Herzens“ im Finale. Grandios, geradezu auratisch: der ebenso viel zitierte „Durchbruch“ ins Helle.

Was Mahler unter Schwierigkeiten noch einmal gelang, nämlich mit einer Sinfonie „eine ganze Welt“ zu „erschaffen“, noch einmal „per aspera ad astra“ zu streben, über raue Pfade empor zu den Sternen, konnte Zimmermann nach Krieg und Holocaust nicht mehr gelingen.

Wie auch immer: Es war ein von der Werkauswahl her denkwürdiger, spielerisch famoser Saisonstart. Die Philharmonie ist auf einem guten Weg. So kann’s weitergehen. Viel Jubel am Ende.

Das „Phantom“ im Kaleidoskop

Das „Phantom der Oper“ ist Thema des ersten Kaleidoskop-Konzerts der Württembergischen Philharmonie in dieser Saison, und zwar am Donnerstag, 27. September, 20 Uhr, in der Reutlinger Stadthalle. Die Leitung hat Andreas Fellner.

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