Reutlingen Krieg ist Schwachsinn

"Ausflug an die Front": Die Antikriegssatire feierte jetzt Premiere an der Tonne. Foto: Tonne
"Ausflug an die Front": Die Antikriegssatire feierte jetzt Premiere an der Tonne. Foto: Tonne
Reutlingen / KATHRIN KIPP 26.03.2012
In Andriy Kritenkos Tonne-Premiere "Ausflug an die Front" muss der Zuschauer mit so einigem rechnen, insbesondere einer babylonischen Mischung aus Kriegsklamotte, Groteske und Stellungsspiel.

Zapo ist Soldat im Krieg: Von fern ist zwar die Trompete zu hören, er selbst weiß aber nicht recht, wann der Kampf weiter geht und in welche Richtung er schießen soll. Er fühlt sich einsam, ihm ist langweilig, und er hat Angst. Plötzlich tauchen seine Eltern auf: Sonntagsausflug an die Front, Picknick im Schützengraben, schauen, wies dem Sohn so geht. Und nette Leute kennen lernen. Tatsächlich kreuzt nach einer Weile auch schon der Feind auf - Zepo, der genauso orientierungslos ist wie Zapo. Die Familie nimmt ihn in die Zange. Weil es sich in Fesseln aber schlecht picknicken lässt, wird er befreit: "Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause." Sie tanzen, schießen Erinnerungsfotos, stellen viele Gemeinsamkeiten fest und trinken Schampus auf die Harmonie. Bis plötzlich ein MG-Feuerwerk die Frontidylle aufs Grausamste zerstört.

Die Antikriegssatire - frei nach Fernando Arrabals "Picknick im Felde" - stellt das Absurde am Krieg dadurch zur Schau, dass sie das familiär Idyll und Spießigkeit direkt mit der Grausamkeit des Krieges konterkariert. Die schlichte Botschaft lautet: Krieg ist absurd, Propaganda ist Lüge. Die Jungs wissen nicht, was sie tun, und man opfert sie für irgendwelche übergeordneten Interessen. Auf dem Schlachtfeld jemanden abzuschießen, gegen den man eigentlich gar nichts hat, ist absoluter Schwachsinn. Erzählt wird das Ganze in einem recht drastisch aberwitzigen Setting.

Im Krieg und im Theater wiederum sind alle Mittel erlaubt, und Andriy Kritenko traut der kurzen Originalvorlage vielleicht nicht allzu viel zu, oder aber hatte einfach Lust, das Stück tatkräftig zu modifizieren. Jedenfalls hat er es für die Tonne mit sehr vielen Pausen, Zeitlupe und Leerlauf, choreografischen Effekten, (Kinder-)Liedern, Stellungsspielen, Pantomime und Spiegelbildern gestreckt: Wenig Text, viel Spiel. Damit steckt er den Teufel ins Detail, aus nicht immer nachvollziehbaren Gründen, aber der Krieg an sich ist ja schon verrückt. Kritenko setzt außerdem den Fokus auf das Universale des Krieges, und zwar mit dem Einsatz diverser Sprachen und Dialekte. Damit verortet er sein Stück: direkt nach Babylon. Und er hat eine neue Figur hineinmontiert, namens "M" (Chrysi Tauossanis): eine allgegenwärtige Instanz, die alles Fremdsprachige übersetzt, die Leute zum Einsatz schiebt, eine Trauerpolonaise organisiert und ebenso unerklärlich bleibt wie der Krieg.

Bühnenbildnerin Natascha Korabelnikowa hat einen Schützengraben aufgestellt, dahinter einen klassischen Theaterprospekt mit Pferden, Mühle, Dorf: ein Idylle, das nur darauf wartet, zerstört zu werden. Das Ensemble agiert betont künstlich, vollführt seltsame Bewegungen, so dass sich eine recht artifizielle Mischung aus Puppenaufführung, Militärklamotte, Nonsens und Kindergartenspiel ergibt. Andreas Ricci ist als Zapo ein ängstlicher und trotzdem unbedarfter und naiver Schweizer Krieger. Er zielt nicht beim Schießen und betet für jeden versehentlich erschossenen Feind ein Vaterunser. Lässt sich zu Siegerpose und Machtgehabe verführen, hat aber auch sein Outing als Strumpfhosenstricker. Sein Feind ist der Österreicher Zepo (Felix Frenken): gleiche Uniform, nur andere Farbe und auch sonst viele Gemeinsamkeiten. Die beiden wollen viel lieber Hände-Klatsch-Spielchen machen, als sich gegenseitig zu erschießen. Wozu auch? Zepo ist ein äußerst höflicher Mensch, aber auch ein wenig wehleidig. Als man ihn nach den näheren Umständen des Krieges fragt, hat er keine Ahnung: "I woiß net, i bin net so gebildet."

Zapos Vater (Felix Kama) wiederum findet alles total aufregend und unterhaltsam und stellt ein breites Silvester-Grinsen zur Schau, als das Bombengeschwader über ihn hinwegfegt. Am liebsten würde er sich selbst ins Schlachtgetümmel stürzen. Für ihn ist alles nur ein Spiel. Seine Frau (Yvonne Lachmann) ist ebenfalls sehr unternehmungslustig, legt Hand an beim Fesseln des Gefangenen, nimmt es aber auch im Krieg ganz genau mit den Hygiene- und Tischsitten. Den Bombenhagel wehrt sie mit dem Regenschirm ab. Soviel Sorglosigkeit kann sich natürlich rächen.

David Jetter und Bahattin Güngör wiederum sitzen auf der Empore und warten als Engelchen auf die verlorenen Seelen, als Sanitäter auf die Verletzten und als Geier auf die Toten.

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