Die Zentrale Notaufnahme im Klinikum Steinenberg verzeichnet steigende Fallzahlen. Insgesamt 45.304 Patienten kamen im vergangenen Jahr mit Beschwerden in die Notaufnahme, eine Zunahme um elf Prozent im Vergleich zu 2014. Das Problem: So mancher Patient hat keinen dringenden Behandlungsbedarf und blockiert somit Platz und Personal für akut gefährdete Patienten.

Die Kreiskliniken Reutlingen reagieren jetzt mit einer Neustrukturierung auf diese Entwicklung. Seit 1. Oktober ist die neue Portalpraxis im Medizinischen Versorgungszentrum täglich, auch an Wochenenden, von 8 bis 22 Uhr geöffnet. In der Portalpraxis, einer ärztlichen Allgemeinpraxis, kooperieren Kreiskliniken und Kassenärztliche Vereinigung und kümmern sich um die Hilfesuchenden. Derzeit wird die Verteilung der Patienten je nach Krankheit und Beschwerden noch am Tresen der Notaufnahme vorgenommen, bald soll jedoch ein so genannter „Integrierter Notfalltresen“ eingerichtet werden, an dem Fachkräfte entscheiden, ob Patienten wegen einer schwereren Erkrankung in die Notaufnahme geschickt werden oder ob die klassische Arztpraxis ausreicht, weil sie vielleicht nur ein Medikament brauchen. Der Vorteil für die Patienten: Sie haben wesentlich kürzere Wartezeiten.

Das Reutlinger Modell ist bislang einmalig und soll Vorreiter sein für weitere Portalpraxen im gesamten Bundesgebiet. Kai Sonntag von der kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg spricht sogar von einer Blaupause für Land und Bund.

Notfallambulanz entlasten

Norbert Finke, Vorsitzender Geschäftsführer der Kreiskliniken Reutlingen, verdeutlicht den steigenden Druck, dem die Zentrale Notaufnahme ausgesetzt sei. Zum einen steige das Patientenaufkommen stetig an, zum anderen die Zahl derer, die eigentlich einen Arzt brauchen, aber nicht eine akute Notfallbehandlung. „Eine ganze Reihe von Patienten kommen mit Alltagsbeschwerden.“ Gleichwohl müsse das Notfallteam jeden einzelnen umfangreich diagnostizieren, „die Behandlungsfenster für wirklich dringende Fälle werden blockiert“. Mit dem Anstieg der ambulanten Fallzahlen erhöht sich auch der Wirtschaftsdruck, wie Finke betont. Für ambulante Patienten in der zentralen Notaufnahme werde 40 Euro bezahlt, die Kosten lägen aber bei gut 120 Euro. Daraus resultiere eine Unterdeckung von mehr als zwei Millionen Euro für die Kreiskliniken pro Jahr. „Das belastet das Betriebsergebnis.“

Seit 2013 gibt es den kassenärztlichen Notdienst an den Wochenenden im Klinikum Steinenberg. Schon lange habe man den Wunsch gehabt, diese Präsenz zu erweitern, sagt Finke. Das Medizinische Versorgungszentrum II der Kreiskliniken habe einen im Planungsbezirk freien Allgemeinmedizinsitz beantragt, am 1. Juli sei dann der Zulassungsbescheid erfolgt.

Anlaufstelle für Hilfesuchende

In der neuen Portalpraxis, die zwar räumlich und organisatorisch vom Krankenhausbetrieb getrennt ist, aber nur wenige Meter von der Notfallaufnahme entfernt eingerichtet wurde, kooperieren Medizinisches Versorgungszentrum der Kliniken und Kassenärztliche Vereinigung. Bis 16.30 Uhr kümmert sich das Medizinische Versorgungszentrum um die Patienten, danach bis 22 Uhr die Ärzte der kassenärztlichen Vereinigung, die entsprechend für die Notdienste eingeteilt werden. Für den Patienten, der Hilfe benötigt, ist es egal, von wem die Ärzte bereitgestellt werden. „Wichtig ist, dass die Leute hier eine Anlaufstelle haben“, sagt Dr. Zsuzsa Märkle, die zusammen mit ihren Kolleginnen Dr. Angelika Dustmann und Dr. Duha Ramadan die Patienten versorgt. „Wir haben hier kurze Distanzen, eine gute Zusammenarbeit und Zugriff auf Labor, Ultraschall und EKG“, sagt Märkle. Obwohl die Portalpraxis eine ganz normale Allgemeinarztpraxis ist, gehe es nicht darum, eine Konkurrenz zu den Hausärzten aufzubauen. „Wir klären alles ab und werden den Patienten dann natürlich für die weitere Behandlung an den Hausarzt verweisen.“

Seit zwei Wochen ist die Portalpraxis des Medizinischen Versorgungszentrums nunmehr in Betrieb. Und es ist schon ziemlich viel los, wie Märkle und ihre Kolleginnen berichten. Bald soll auch der „Integrierte Notfalltresen“ eingerichtet werden, um die neue Struktur im Klinikum am Steinenberg zu perfektionieren.

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Klinikum Steinenberg: Die neue Portalpraxis


Die neue Portalpraxis des Medizinischen Versorgungszentrums II GmbH der Kreiskliniken Reutlingen ist auf der Ebene der zentralen Notaufnahme am Klinikum Steinenberg Reutlingen, am Beginn des Wartebereichs, angesiedelt. Die Portalpraxis ist täglich von 8 bis 12 Uhr und von  12.30 bis 22 Uhr geöffnet, an Wochenenden durchgehend von 8 bis 22 Uhr. Wer Hilfe braucht, muss sich nach wie vor bei der Zentralen Notaufnahme am Nachtausgang des Klinikums zunächst anmelden. In der Notaufnahme selbst werden die Patienten dann entsprechend zugewiesen, also auch in die Portalpraxis.