Im Frühjahr kamen die Künstlerinnen Maria Katsouli und Christine Thomas auf die Mitarbeiterinnen im Zundel-Haus zu und unterbreiteten den Vorschlag eines gemeinsamen Kunstprojekts. Die Begeisterung war sofort groß, wie Hausleiterin Julia Schäfer sagte. Allerdings wurde die ursprüngliche Idee, die Hauswand mit einem Mosaik zu versehen, vom Hausbesitzer abgelehnt. "Dann überlegten wir, was wir ansonsten tun könnten", erläuterte Thomas. Herausgekommen ist dabei schließlich eine steinerne Bank, die mit lauter kleinen verschiedenfarbigen Splittern von zerschlagenen Fliesen belegt und verfugt wurde. Die Bank mit den geschwungenen Formen und Rundungen - "sie sollte ja auch weiblich wirken", so Christine Thomas - wirkt nun fast wie ein eigenständiges Gemälde.

Frauen, die im Elisabeth-Zundel-Haus eine Bleibe finden, bringen alle einen großen Rucksack voller Probleme mit, denn sie kommen vielleicht aus einer stationären Einrichtung und können nicht mehr in ihre Wohnung zurück. Sie wurden vom Elternhaus verstoßen oder verließen den Partner, ohne eine andere Unterkunft zu haben. "Schnelle Hilfe tut immer Not", heißt es im Flyer der Reutlinger Arbeiterwohlfahrt (AWO) zu dem Angebot des Zundel-Hauses. Genau dort finden die Frauen nämlich Hilfe, dort werden sie aufgenommen, beraten und betreut.

Diese Frauen haben bei dem Kunstprojekt mitgeplant, mitgedacht und auch kräftig mit angepackt. Sie zerschlugen selbst die alten Fliesen und haben die Splitter anschließend zu diesem ganz neuen einzigartigen Bank-Mosaik zusammengefügt. "Das war schon auch mit Geduld verbunden", so Katsouli. "Und mit Rückenschmerzen", sagte eine Bewohnerin des Hauses schmunzelnd. Erstaunlich ist laut Schäfer, dass durch dieses Kunstprojekt und während der Schaffensphase "eine große Gemeinschaft zwischen den Frauen hier entstanden ist". Bis dahin hätten sie sich doch eher in ihre Zimmer zurückgezogen.

"Wir wollten mit dem Projekt die kreativen Potenziale der Frauen wecken", erläuterte Künstlerin Christine Thomas. Denn eines sei klar: Kreativität stecke in jedem Menschen - und wenn die ausgelebt werde, könne "ein lebensbejahender Prozess entfacht werden". Geübt haben die Frauen im Hof hinter dem Haus zunächst an einem großen Blumentrog, der wenig dekorativ dort herumstand. Um auf das Muster für die Bank zu kommen, sind zunächst Gemälde gefertigt worden, deren Formen und Farben dann vergrößert auf die Bank mit den Scherben der Fliesen übertragen wurden. Von den einstigen Gemälden sei im Ergebnis nur noch wenig zu erkennen, "aber das ist wie bei der Homöopathie - wo nur noch die Grundinformation erhalten bleibt", konstatierte Schäfer. Besonders gefreut über das Resultat dieses Kunstprojekts zeigte sich Gisela Steinhilber als Geschäftsführerin der Reutlinger AWO: "Da ist was richtig Großes und Gutes entstanden." Denn: Die Gemeinschaft im Zundel-Haus sei dadurch enorm gestärkt worden, die Frauen rückten näher zusammen. "Und es gibt ja noch viel Potenzial zum Weitermachen", betonte Julia Schäfer. Ein Tisch könnte weiter entstehen oder einige andere Dinge, um den Hof hinter dem Zundel-Haus wohnlicher und attraktiver zu gestalten. Wie allerdings die Rückseite des gegenüberstehenden Gebäudes mal aussehen wird - das wusste niemand zu sagen. Da gähnte nämlich ein großes Loch als Baustelle die Besucher an, und Stahlträger stachen wie Zeigefinger aus dem entbeinten Haus heraus.

Licht und Schatten

Fünf soziale Kunstprojekte werden am Sonntag, 9. November, zwischen 14 und 16 Uhr von verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern an unterschiedlichen Orten in der Stadt vorgestellt. Darunter auch die Mosaiksteinbank im Innenhof des Elisabeth-Zundel-Hauses. Weitere Projekte wurden von den Künstlern etwa mit Matthäus-Beger-Schülern durchgeführt, mit Asylbewerbern oder auch mit Bewohnerinnen des Frauenhauses Reutlingen. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Spitalhof. Moderiert wird die Veranstaltung von Paul Schlegl.