Reutlingen Kraft, Feuer und Tiefe

Die Sopranistin Pumeza Matshikiza begeisterte mit ihrem Auftritt bei der Württembergischen Philharmonie Reutlingen.
Die Sopranistin Pumeza Matshikiza begeisterte mit ihrem Auftritt bei der Württembergischen Philharmonie Reutlingen. © Foto: Susanne Eckstein
Von Susanne Eckstein 14.03.2018

Wer ein Wundermädchen aus den Townships erwartet hatte, rieb sich die Augen: Hier stand eine selbstbewusste, gereifte Opernsängerin, die im ersten Teil des Programms Hochkarätiges von Ravel, Bizet, Puccini und Dvorák bot, und zwar jeweils in der Originalsprache. Sie begann mit einer Arie aus Ravels „Spanischer Stunde“ – so präsent und temperamentvoll, dass man gern gewusst hätte, wieso sie am Ende der Szene das Kleid rafft und wegrennt.

Untergründig und dramatisch

Pumeza Matshikiza verfügt nicht nur über eine großartige Stimme, sondern auch über die Fähigkeit, jede Rolle fesselnd zu verkörpern. Als Carmen-Gegenspielerin Micaela war sie die treue Geliebte; mit was für dramatischen Kraftreserven sie locker in höchste Höhen stieg, machte Gänsehaut. Untergründige Romantik war dann bei Dvořáks „Lied an den Mond“ gefragt, weit trug ihr voller Sopran durch den Saal. Vom ersten Teil verabschiedete sie sich als Mimi aus Puccinis „La Bohème“: ihr Schlusston und die Stille danach hielten die Zeit an.

Das Orchester der WPR steuerte unter Leitung von Gastdirigent Johannes Klumpp einen passenden Rahmen bei. Gleich der Auftakt, Chabriers „España“, wurde so exzellent dargeboten, wie man das Stück nur selten zu hören bekommt. Unter Klumpps knappem, präzisem Dirigat wurden die rhythmischen Strukturen offengelegt, geschärft und gegeneinander geschoben. Das Stück bekam Feuer und Tiefe, genauso Bizets Carmen-Suite Nr. 1 und die „Tregenda“, ein sinfonischer Hexensabbat aus Puccinis Oper „Le Villi“.

Der zweite Teil des Abends brachte vorwiegend Unterhaltsames, beginnend mit Gershwins erstem klassischem Orchesterstück, dem „Lullaby for strings“; sanft streichelten die Streicher das Ohr als Übergang zu einem Allzeit-Lieblingshit: Gershwins „Summertime“, wie geschaffen für den tragfähigen, dunkel getönten Sopran von Pumeza Matshikiza. Bevor es mit dem Orchester mit der Filmmusik zu „Jenseits von Afrika“ gen Süden ging, brachte die Sängerin nochmals große Oper auf die Bühne der Stadthalle: mit der Arie der Liù „Tu che di gel sei cinta“ aus Puccinis „Turandot“, nach der Liù zum Dolch greift – das konnte man aus der starken Interpretation erahnen. Tiefste Verzweiflung, höchste Dramatik! Man sollte mal wieder zur Oper gehen. Zum Schluss hin war populäres Afrikanisches angesagt, des intimeren Charakters wegen sang Pumeza Matshikiza hier mit natürlicher Stimme ins Mikro, sanft umspielt vom weichen Streicherteppich: das Wiegenlied „Thula Baba“ und „Lakutshon Ilanga“, das schon Miriam Makeba im Programm hatte, und hier mit einem „naturnahen“ instrumentalen Ambiente versehen war. Zwischendurch bot das Orchester Afrikanisch-Jazziges von Abdullah Ibrahim, bevor Pumeza Matshikiza im Finale mit „Malaika“ und „The Click Song“ ihrer Heimat die Ehre erwies. Hier waren die Perkussionisten der Württembergischen Philharmonie in ganz anderer Weise gefordert als sonst: Nörz und Kollegen bewiesen virtuose Vielseitigkeit auf der afrikanischen Trommel und der Marimba. Nach dem „Click Song“ mit den faszinierenden Schnalzlauten der Xhosa-Sprache und dem mitreißenden Rhythmus war klar, dass es ohne Zugabe nicht abgehen würde. Die führte mit Puccini („O mio babbino caro“) wieder zur Oper – offenbar der wahren Heimat der Sängerin – und zu Standing Ovations.

Das nächste Konzert der Philharmonie

Das sechste Sinfoniekonzert ist am Montag, 19. März, um 20 Uhr. Auf dem Programm steht Sergej Rachmaninow, Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30,  Jean Sibelius, 1. Sinfonie e-Moll op. 39. Yulianna Avdeeva ist am Klavier, Pablo Gonzalez hat die Leitung.
Yulianna Avdeeva, im Jahr 2010 die erste weibliche Gewinnerin des Chopin-Klavierwettbewerbs seit Martha Argerich vor 45 Jahren, wird erstmals mit der WPR zu erleben sein. Auch Pablo Gonzalez steht erstmals vor dem Orchester.
Er wirkte von 2010 bis 2015 als musikalischer Leiter des katalonischen Nationalorchesters in Barcelona. Um 19 Uhr ist eine  Konzerteinführung im kleinen Saal.

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