"Wahlkampf in der Kirche", das hört sich für den Europaabgeordneten Sven Giegold "skurril" an. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe der Offenen Kirche vor der württembergischen Synodalwahl kam der Wirtschaftsexperte zum Themenabend "Kirche und Staat" nach Reutlingen in die Citykirche. Eingeladen hatten ihn die Offene Kirche und deren Synodalkandidaten Sabine Drecoll und Martin Plümicke. Giegold stellte das von ihm und dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann veröffentlichte Papier "gegen eine rigorose Trennung von Kirche und Staat" vor und erläuterte, welche Absichten und Gedanken sich dahinter verbergen.

Innerhalb der "Grünen-Logik" gebe es "kein unterschiedlicheres Paar" als Sven Giegold und Winfried Kretschmann. Giegold kommt aus dem Norden Deutschlands und ist Protestant. Kretschmann kommt aus dem Süden Deutschlands und ist Katholik. Auch in politischen Fragen sind sie sich nicht immer einnig. Dennoch hätten sich die beiden "bewusst dazu entschlossen", das "brisante Papier" gemeinsam zu verfassen, so Giegold. In diesem Papier sprechen sich beide für eine "kooperative Trennung von Kirche und Staat" aus. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die "Gemeinschaft" sei für das "Einzelwesen Mensch ein Ausdruck der Freiheit", so Giegold. Auch die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften seien "wichtig", denn sie garantieren ein "kooperatives Ausleben der Religionsfreiheit". Bei der Entstehung Deutschlands gab es nur zwei große Religionsgemeinschaften: Christen und Juden. Heute ist das Land eine "pluralisierende Landschaft" mit vielen verschiedenen Gemeinschaften. Vom Christentum über Buddhismus bis zu "Patchwork-Religionen" herrsche eine "Individualisierung des Religiösen" - und der Staat muss alle diese Gemeinschaften akzeptieren, sofern sie die Grundrechte achten. Als "neutraler Staat" solle er auch alle Gemeinschaften gleich behandeln. Ergo muss er sich auch für islamische und vor allem jüdische Gemeinschaften, die einen "ganz besonderen Stellenwert" haben, öffnen. Die Vorteile, die Religionsgemeinschaften dem Staat gewähren, wären zum einen der Schutz vor dessen "Allmachtsfantasien". Zum anderen stelle eine größere Pluralität "mehr öffentliche Güter" und "viele freie Träger für Dienstleistungen" zur Verfügung. Dies schaffe dem Staat Freiraum und garantiere eine "Wahlfreiheit" für dessen Bürger. Im Gegenzug schütze der Staat die Religionsgemeinschaften vor "Extremismus" mit seinem Recht auf Kritik an deren Aktivitäten.

Für die Religionsverfassung bedeute die kooperative Trennung den "Schutz der Feiertage" und eine individuelle "Freistellungsregelung für alle Religionen". Außerdem soll die Arbeitsruhe an Sonn- und Feiertagen als "Schatz des Christentums" gewährt bleiben. "Extreme Auswüchse vom Selbstbestimmungsrecht" der Kirche soll laut Giegold verboten werden, damit keine Diskriminierung in sozialen Einrichtungen unter religiöser Führung aufkommen könne. Die Kirche solle "menschenfreundlich" sein, denn viele Leute gehen heute "lieber in kirchliche soziale Einrichtungen" als in staatliche. Zudem soll auch den Muslimen ein eigener Sozialverband zugesprochen werden, denn so einer sei "kein Privileg der Kirche". Außerdem fände der Wirtschaftsexperte die Streichung des "Blasphemieparagraphen" sinnvoll, denn auch die Kirche müsse "Kritik aushalten können". Den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen und vor allem auch den islamischen, findet Giegold sehr wichtig und spricht sich gegen dessen Abschaffung aus. Der Unterricht in kirchlichen Einrichtungen würde vermutlich "extremer werden", als der in öffentlichen Schulen. Um das zu vermeiden, müssten sich die Gemeinschaften "mit Vernunft" reflektieren und rechtfertigen können. Giegold fände zudem wichtig, die "Aufteilung nach Gemeinschaften im Klassenverband auch mal zu durchbrechen" und somit die Möglichkeit zu schaffen, in "Phasen des gemeinsamen Unterrichts über Ethik zu reden". Letztendlich würde "die Gesellschaft als Ganzes" von der "kooperativen Trennung profitieren", fasste der Wirtschaftsexperte zusammen.

Ein Großteil des Publikums war derselben Meinung. Außerdem habe man das Gefühl, dass die Stadt Reutlingen die "Kirche als Kultur" nicht einbeziehe, da im Rathaus "keine kirchlichen Plakate angebracht werden dürfen". Dies sei jedoch kein Argument, da das Rathaus als politische Institution neutral bleiben soll, erklärte Giegold. Wenn alle ihre Plakate im Rathaus aufhängen würden, so würde es irgendwann "überquellen".

Zu Giegolds Freude wurden aber nicht nur "Kirchenlieder gesungen", es gab auch kritische Stimmen. So kam die Beschwerde über die finanziellen Staatsleistungen für die Sanierung von Kirchen und für deren Oberhäupter auf. Giegold stimmte teilweise überein. Auch er sei für eine "Ablösung der Staatsleistungen für die Kirche", allerdings nur gegen eine Entschädigung, die sich der Staat jodoch momentan "nicht leisten" könne.

In einem Punkt waren sich aber alle einig: Die Kirche sei "schon immer da gewesen" und solle den Menschen auch weiterhin "als Kulturträger erhalten bleiben".