Ist diese Welt gerecht, dann stehen die Musiker von Árstíðir bald auf den ganz großen Bühnen. Dann kloppen Musikfans quer über alle Kontinente verteilt demnächst Coldplay-, Mumford-, Apocalyptica-, Aereogramme-, Nigel Kennedy- und La Montanara-Platten gleichermaßen in die Tonne. Und packen die alten Bach-, Beatles-, Elton John- und Crosby, Stills & Nash-Scheiben glatt noch im Eimer obendrauf.

Denn bei Árstíðir bekommt der Hörer all das, was sie oder er an denen liebt, aus einem Guss.

Gründung zur Katastrophenzeit

Die Musik der 2008 kurz vor dem denkwürdigen Bankencrash gegründeten und 2010 kurz vor Ausbruch der Vulkans Eyjafjallajökull zur ersten Tour startenden Band aus Reykjavik, deren Name auf Isländisch „Jahreszeiten“ bedeutet, lässt sich in keine Schublade stecken. Auf bislang vier Alben verbinden der Sänger, Gitarrist, Hobby-Brauer und Gelegenheits-Trommler Daniel Auðunsson, der Sänger, Pianist und Keyboarder Ragnar Ólafsson sowie der Sänger Gunnar Már Jakobsson, der zudem Bariton-Gitarre und Ukulele spielt, Klassik mit Pop, Singer/Songwriter-Folk mit Rock und Gregorianik mit tanzbaren Sounds auf ungewöhnlich homogene und damit schlicht umwerfende Weise.

Drei plus zwei

Live touren die drei Stammmitglieder mit dem jahrelang ausschließlich in einer Kirche ihrer Heimatstadt gespielten Programm „A Special Holiday Event“ aktuell zu fünft durch Europa. Ihre französischen Freunde, die Kammermusiker Guillaume Lagravière und Jean-Samuel Bez, begleiten die drei Isländer am Sonntag auch vor etwas mehr als 150 Besuchern im Reutlinger franz.K entsprechend vielseitig und virtuos an Cello respektive Violine.

400 Jahre alter X-Mas-Rock

Zum finalen, 400 Jahre alten Acappella-Weihnachtschor von den Faröer Inseln stellen sie sich sogar mit nach vorn an den Bühnenrand. Ohne Mikros.

Interview Band Arstiðir aus Island „Melancholie und Seele treiben uns an“

Reutlingen

Manch einer ahnte es wohl schon: Es ist um die Gerechtigkeit in dieser Welt nicht erst seit Donald Trump alles andere als gut bestellt. Das ist zumindest in Bezug auf Árstíðir auch gut so. Denn Perlen wie diese Crossing-all-over-Band und ihr Vorweihnachts-Programm „A Special Holiday Event“ brauchen den intimen, überschaubaren, begrenzten Raum, um ihre Wirkung voll zu entfalten.

Exkurs in die isländische Seele

Da erschien Ragnar Ólafsson, der als humorvoller Erzähler zwischen dem Opener „Himinhvel“ von 2015, dem neuen „While This Way“ und „Shades“ von 2011 mit kurzweiligen kulturhistorischen wie musiktheoretischen Exkursen durch den knapp zweistündigen Auftritt führte, das behaglich bestuhlte ehemalige Casino schon groß.

Dass Lieder selbst zu den fröhlichsten Anlässen in seiner Heimat an allen anderen Ecken der Welt als traurig empfunden werden, sei kein Zufall, erklärte er: „Wir haben stets so eine dramatische Unterströmung, das ist etwas zutiefst Isländisches.“ Und typisch Isländisch sei auch, sich mit einem dreifachen Danke erkenntlich zu zeigen. Deshalb: Takk-takk-takk!