Reutlingen Kondition nur bedingt erforderlich

Einband einer gotischen Choralnotation (14. Jahrhundert). Fotos: Jan Zawadil
Einband einer gotischen Choralnotation (14. Jahrhundert). Fotos: Jan Zawadil
JAN ZAWADIL 05.03.2012
4800 Regalmeter Archivalien lagern im Keller des Rathauses. Für den Tag der Archive benötigten die Besucher trotzdem nur bedingt Kondition. Denn die Geschichtsdokumente sind platzsparend untergebracht.

Dunkel, staubig und muffig - Archive genießen alles andere als einen guten Ruf. Und wer dann noch mit Dokumenten nur wenig bis gar nichts anfangen kann und sich für Geschichte nur sehr bedingt interessiert, wird wohl nie eine Aktion während des Tags der Archive wie am Samstag besuchen.

Allerdings sollte sich jeder darüber bewusst sein, dass er etwas verpasst, wenn er nicht wenigstens ein Mal einen Blick ins Archiv und damit ins Herz der Erinnerung der Stadt geworfen hat. Schließlich sind hier nicht nur wichtige Dokumente und das älteste in städtischer Hand befindliche Schriftstück - eine Übereignungsurkunde aus dem Jahr 1298 - verwahrt. Es sind vor allem auch die abseitigen Dinge, die hier aufgezeichnet wurden und aus heutiger Sicht nichts mehr in den Registern einer Stadt zu suchen haben.

Einen kleinen Einblick gaben dementsprechend die Führungen, die fernab vom Tageslicht in den Keller des Rathauses führten. Für Gerald Kronberger zwar ein alltäglicher Gang, doch selbst für manchen alteingesessenen Reutlinger ein spannender Moment. Denn wer wusste schon, dass hier ganze Bände angelegt sind, in denen beispielsweise Paare in vergangenen Jahrhunderten angeben mussten, was sie mit in die Ehe gebracht hatten - und das bis zum kleinsten Büchlein.

Das könnte für manche Scheidung heutzutage zwar nützlich sein. Doch die Einblicke verrieten noch mehr. So werden unter anderem die 4800 Regalmeter Archivmaterialien nämlich platzsparend und in verschiebbaren Regalen gelagert. Die Gäste mussten deshalb nur wenig Kondition mitbringen, um Einblicke in städtische Unterlagen, Originale der Stadtgeschichte, aufschlussreiche Dokumente der Nachkriegszeit oder die Restaurierungsarbeit zu erhalten. Denn, wie Gerald Kronberger weiter ausführte, "ist das hier das schlechte Nachkriegspapier".

Um Schriftstücke wie beispielsweise Anträge zur Neugründung des SSV Reutlingen nach dem Zweiten Weltkrieg zu erhalten, musste das Papier dementsprechend gespalten werden und eine Lage dünnen Japanpapiers eingezogen werden, um erneut eine stabile Grundlage zu schaffen, die weitere Jahrzehnte oder noch mehr überdauert.

Einer, der sich einen neuerlichen Blick hinter die Kulissen der Archivarbeit nicht entgehen lassen wollte, war am Samstag Karl-Heinz Grimm. Als Mitglied des Geschichtsvereins kennt er zwar den Ablauf eines Archivs und die Historie der Stadt, doch begeistert ist er immer wieder. "Zumal die Entwicklung Reutlingens faszinierend ist."

Während die Geschichtsinteressierten darüber hinaus Gelegenheit hatten, nicht mehr benötigtes Buchmaterial oder Fotografien vergangener Tage gegen eine Spende mit nach Hause zu nehmen, war Stadtarchivleiter Dr. Heinz Alfred Gemeinhardt mit dem Zuspruch beim vierten Tag der Archive in Reutlingen zufrieden. Seien doch rund 250 Besucher ins Rathaus gekommen.

Dass sich der Einsturz des Kölner Stadtarchivs ausgerechnet am Samstag zum dritten Mal jährte, ließen ihn dennoch nachdenklich werden. Denn obwohl die Archivalien gut und unter konstanten Temperaturen gelagert sind, sei das Magazin letztlich nicht optimal. Laufen doch beispielsweise Versorgungsleitungen durch den Kellerraum, der an sich kein spezieller Archivraum ist.