Pfullingen Knöpfe und Perlen im Fundus

Pfullingen / MARIE-LOUISE ABELE 27.08.2013
Sie treffen sich jeden Mittwoch bei Kaffee und Nadel zum aufwändigen Reparieren von ehemaliger Alltagskleidung. Die Nähfrauen des Albvereins richten seit bald 30 Jahren die Bestände des Trachtenmuseums.

"Bei uns ischs oifach schee." Es herrscht immer eine fröhliche, gelöste Stimmung mittwochs in der Nähstube. Eine Handvoll Frauen trifft sich hier regelmäßig zwischen 14 und 18 Uhr, um sich ganz dem Stopfen von Löchern und Kaschieren eingerissener Stoffe zu widmen - selbstverständlich ehrenamtlich.

Um Dorothea Brenner, die 2006 die Leitung der Nähstube und des Württembergischen Trachtenmuseums übernahm, scharen sich heute Elsbeth Müller, Ingrid Rieg, Hildegard List und Babette Kletetschka, alle im Alter zwischen 52 und 79 Jahren. Und die Frauen sind sich durchaus einig: "Wir schwätzet nicht nur, wir können auch gut miteinander schweigen."

Früher, ab 1984, trafen sich die ersten Frauen der Nähstube mittwochs in zwei Schichten. Bis zu 20 Nähbegeisterte halfen hier, damals noch unter Hilde Walzer, Trachten aus deren Beständen für ein Museum zu reparieren. Mit der Zeit kamen immer mehr Stücke hinzu: Man wusste nun, wo die ausgediente, verschlissene Alltagskleidung verstorbener Verwandten gut aufgehoben war.

Seit 1988 betreuen die Nähfrauen das Württembergische Trachtenmuseum in der Baumannschen Mühle. Ihre Nähstube ist nun im zweiten Obergeschoss des Neske-Hauses untergebracht, gleich daneben warten noch viele Trachten und Einzelstücke auf ihre Katalogisierung und schlussendlich den großen Auftritt im Museum. Es ist ein großer Fundus an original erhaltenen Bändern, Fäden, Knöpfen, Perlen und Haken in Schublädchen, der sich weiterzieht durch die vielen kleinen Lagerräume und den Dachboden gut bestückt mit Kleidungsstücken wie Kleidern, Gewändern, Hemden, Lederhosen, Hauben, Hüten und sogar Schmuckstücken.

Hilde Walzer hatte früher vieles schriftlich katalogisiert, mittlerweile ist vieles nachgekommen, so dass das digitale Erfassen des Bestandes hinterherhinkt, zumal natürlich die handwerkliche Arbeit im Vordergrund steht. Und bei Alltagstrachten gibt es viel zu tun, wurden diese doch viel und gern getragen, geflickt und übernäht. Durch ihr Alter sind die Woll-, Leinen- und Seidenstoffe nun brüchig und rissig, eine Herausforderung für jede helfende Hand, sei sie noch so vorsichtig. Zwar stehen zwei Nähmaschinen bereit, doch vielfach ist einfach die präzise Hand gefragt.

"Eine Aufgabe braucht der Mensch", beschreibt Elsbeth Müller ihre Motivation, die Nähtruppe zu unterstützen. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie eine neue Aufgabe gesucht und sich hier gleich wohl gefühlt. Außerdem lerne man viel über Land und Leute, so der Tenor. Allerdings machen die Augen nicht mehr so gut mit, sind die Flickstellen doch immer sehr klein. "Doch Dorothea ist sehr nachsichtig mit uns", schmunzelt Elsbeth Müller. Hier ist niemand unter Zeitdruck.

Längst ist auch nicht mehr der Erhalt der eigenen Bestände Aufgabe der Näherinnen. Immer wieder erreichen sie Päckchen mit Trachten von befreundeten Vereinen, die um das Restaurieren des guten Stückes bitten.

Auch die Figuren, die die Tracht im Museum präsentieren, stammen aus der Hand der Näherinnen. "Dafür können wir keine modernen Schaufensterpuppen nehmen", erklärt es Dorothea Brenner. Form und Größe der Kleiderpuppen biegen sie sich an einem Metallgestell passend zurecht.

Doch auch wenn die Truppe gut funktioniert, hat sie ein großes Problem. "Uns fehlt der Nachwuchs", bringt es Dorothea Brenner auf den Punkt. Heutzutage wird kein Wert mehr auf das Erlernen von Handarbeitstechniken gelegt, auch nicht mehr als Unterrichtsfach in der Schule. Was ein Loch hat, wird gleich entsorgt und ersetzt. Doch neue Hobbynäherinnen würden jederzeit mit offenen Armen empfangen werden.

Sommerserie zum Museum
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