Konzert Knackiger Bläsersound und schräge Rhythmen

Reutlingen / Susanne Eckstein 10.11.2018

Da staunte nicht nur die Kuh vom Konzertplakat, sondern auch das zahlreich erschienene Publikum im großen Saal der Stadthalle. So etwas erlebt man nicht alle Tage! Auch wenn die 2004 in Wien aus Musikstudenten gebildete siebenköpfige Truppe „Federspiel“ die Blasmusik nicht neu definiert, einen kreativen und höchst unterhaltsamen Beitrag dazu leistet sie allemal.

Ihre Mitglieder, die Herren Jimenez-Salvador, Winalek, Werner, Haas, Eitzinger, Zöchbauer und Alvarado-Dupuy, musizieren zwar im Prinzip auf traditionellen Instrumenten – drei Trompeten, zwei Posaunen, eine Basstuba, eine Klarinette – doch darüber hinaus singen und jodeln sie und bringen reichlich Neues ins Spiel, neue Kombinationen wie Kompositionen. Eine gedruckte Programmfolge war tatsächlich nicht vonnöten. Die Stücke wie auch die ständigen Wechsel zwischen Solisten und Orchester gingen flüssig ineinander über, präzise geleitet durch den französischen Dirigenten Olivier Tardy, verbunden in einer sympathischen und hintersinnigen Moderation durch „Federspiel“ selbst.

Der Auftakt zeigte, wo’s langging: Orchestrales nach Opern-Art ging über in knackigen Bläsersound und schräge Rhythmen. „Federspiel“ liebt offenbar unregelmäßige Takte und trickreiche Rhythmen im Stil des Balkan Brass, flotte Tubaläufe kreuzten Männergesang.

Jeder „Federspiel“-Bläser ist ein Solist. Als rares Soloinstrument trat die Basstrompete auf: Hierzulande fast vergessen, ersetzte sie – wunderbar weich geblasen von Thomas Winalek – nicht nur das Alphorn (oder das Tenorhorn), sondern fesselte das Ohr mit magischer Ausdruckskraft.

Zwei der Musiker komponieren und arrangieren auch, etwa Reminiszenzen an einen norwegischen Wasserfall oder musikalische Spiegelungen einschließlich originalem Wassergeplätscher, später einem sinfonischen Märchen mit Spieluhr („Der standhafte Zinnsoldat“); der Kompositionsstil verband romantische Tondichtung mit moderner Bläsersinfonik.

Qualität und Unterhaltungswert waren gleich hoch. Können und Zusammenspiel der sieben Musiker standen außer Frage, ob auf den Blasinstrumenten oder vokal; es zeichnete sich durch eine Intensität aus, die für einen tieferen Bezug zur Sache spricht.

Das Besondere am „Federspiel“ ist der Stil. Wo andere Bläserensembles virtuos durch Genres fegen, legt dieses den Schwerpunkt auf alpenländische Folklore abseits der Musikantenstadl-Klischees. Die drückt sich aus in getragenen Melodien des Alphorns (der Basstrompete) und in mehrstimmigen Jodlern, die eine ernste, beinahe meditative Aura ausstrahlen. Eine ferne Verwandtschaft fand „Federspiel“ in der mexikanischen Folklore: In „Cielito Lindo“ wird gejodelt. Auch das Publikum wurde ins Geschehen einbezogen: Erst durfte es ein Volkslied samt Klatschrhythmus einüben, später damit in dem genialen, aus Webcam-Gedudel inspirierten Finalstück mitmachen, bis nach dem Klatsch-Solo der Schlagwerker ein Höllenspektakel losbrach – zuerst seitens der Musiker, danach beim Publikum, das es nicht mehr auf den Plätzen hielt.

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