Konzert Knabenchor capella vocalis in Metzingen

Metzingen. / SUSANNE ECKSTEIN 31.10.2016

Die Kirche war voll besetzt, im Publikum wurden sogar Noten gesichtet – die Martinskantorei hat Duruflés Requiem aus dem Jahr 1947 schon einmal aufgeführt. Entsprechend groß war das Interesse an der Interpretation durch capella vocalis.

Die Annäherung brauchte Zeit. Zum einen musste sich das Publikum daran gewöhnen, dass die Musik von hinten, von der Orgelempore kam; Chor und Orgel benötigen engen Kontakt für die Feinabstimmung. Diese ist gerade bei Duruflés Requiem schwierig: Die Singstimmen folgen (meist) den ruhigen Melodien und dem frei schwebenden Zeitmaß des gregorianischen Chorals, während der Instrumentalpart – in diesem Fall die Orgel, gespielt von Kantor Stephen Blaich – eine lebhafte Bewegung darunter zu legen hat, und dies meist ohne den Halt von Metrum und Takt. Der (leider unsichtbare) Chor meisterte das so schöne wie diffizile Werk mit dem bekannt hohen Können und dem exquisiten, bis in höchste Höhen reinen, homogenen Klang der Knabenstimmen.

Auch die Soli von Jan Jerlitschka (Mezzosopran) und Arthur Canguçu (Bariton) atmeten den verinnerlichten Geist dieser Totenmesse, die sich nur im „Sanctus“ zu leuchtenden Harmonien auffächert und im „Libera me“ zu einer überwältigenden Steigerung aufbaut. Was hie und da irritierte, waren Orgel-Registrierungen, die sich vor den Chorklang drängten.

Doch der Schluss verklang in himmlischer Harmonie, der „Chorus Angelorum“ im Text verkörperte sich im Gesang des Knabenchors. Da diese Totenmesse für ein Konzert zu kurz ist, wurde sie mit weiteren Chorwerken ergänzt. Zunächst mit Benjamin Brittens Missa Brevis in D aus dem Jahr 1959, mit ihren knappen Sätzen und ihrer rhythmischen Prägnanz ein Gegenstück zum Requiem, vom Chor unter Bonath lebhaft und packend umgesetzt als quicklebendiges Gotteslob im Hier und Heute. Wieviel Arbeit wohl hinter alldem steht?

Stilistisch ein großer Sprung: von der streng an den lateinischen Text gebundenen katholischen Messe zu den romantischen Gesängen op. 96 von Felix Mendelssohn, komponiert für Alt und Orchester, hier von der Orgel begleitet. Was den Messvertonungen angemessen ist, nämlich betont schlichtes, sozusagen cäcilianisch reines Singen, wird dem romantisch beseelten Chorgesang nicht ganz gerecht.

Gerade in den Soloabschnitten, denen jeweils der volle Chor antwortet, hätte man sich mehr gefühlvolle Gestaltung gewünscht – aber Jan Jerlitschka ist noch Jungstudent, was man angesichts seiner Leistungen und seiner wunderbaren Altstimme allzu leicht vergisst, und für Choristen zählt grundsätzlich Disziplin, nicht Solistentum.

Nach dem hoffnungsfrohen Schluss auf „danken freudig immerdar“ waren die spontanen Ovationen berechtigt, und zur Freude des Publikums kam der Chor nach vorn. Als Zugabe wurde Duruflés Motette „Ubi caritas“ (Wo die Liebe ist) vorgetragen, nunmehr direkt erlebbar, so ausgefeilt wie verinnerlicht. Susanne Eckstein

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