Um 9.30 Uhr steht das Team für den Mittag im Chorraum der Citykirche bereit. Dann rauscht Pfarrer Jörg Mutschler herbei – auch von weitem gut erkennbar am roten Schal. „Wer ist heute neu?“ fragt er und lässt den Blick schweifen. Okay: Zwei Frauen und die Pressevertreterin. „Und warum sind sie hier?“ Andrea Scheib lacht. „Weil ich im Vergleich zu sonst endlich mal Zeit im Januar habe“, sagt die freiberufliche Hebamme. Sie ist über eine Freundin zur Vesperkirche gekommen. „Ich wollte mal eine Welt kennenlernen, mit der man sonst nicht so viel zu tun hat.“

Auch ich bin neugierig. Wer kommt zur Vesperkirche? Arme Menschen? Obdachlose? Einsame? Solidaresser? Wie ist die Stimmung? Schämen sich die Menschen, dass sie Hilfe brauchen oder sind sie dankbar?

Pfarrer Mutschler spricht in seiner kurzen Andacht vom Brückenbauen und gibt seinen Helfern den Rat mit, immer gelassen zu bleiben: „Es kommen nicht nur Heilige her. Jeder trägt sein Päckchen.“ Dann teilt Gisela Braun vom Diakonieverband die Schichten ein: Vom Spülmeister (traditionell ein Männerjob in den Vesperkirchen) über den Besteckroller und die Essensausgabe bis hin zu den Servicekräften. Den meisten ist völlig egal, an welchem Posten sie helfen – die Hauptsache ist, dass sie überhaupt helfen können. Einige nehmen ihr Ehrenamt auch ein bisschen verbissen ernst, merke ich später.

Die meisten Helfer sind Rentner; manche mit einer großen sozialen Ader, andere mit einem Hang zum Unruhestand. Helmut Buck ist einer der wenigen Männer im Team. Der 72-jährige Dettinger ist seit 15 Jahren dabei. Der große Mann, der etwas Beruhigendes ausstrahlt, schleppt heute das Essen in den Wärmeschrank, das die Fahrer draußen anliefern. Omelett, Spinat und Kartoffeln gibt es, „260 Essen haben wir mal bestellt“, sagt Buck. Bis 12.45 Uhr kann in der Großküche der Bruderhaus-Diakonie Nachschub bestellt werden. In den ersten Vesperkirchentagen gehen erfahrungsgemäß rund 230 Essen pro Tag raus, erzählt er mir, am Ende dann fast 400. Es spreche sich herum, dass man hier gutes Essen bekommt. Jeder gibt so viel Geld, wie er entbehren kann.

Um 10 Uhr sitzen die ersten Gäste im Chorraum, während die Helfer am Nebentisch noch Brote für die 160 Vesperpakete schmieren. Die Gäste lesen Zeitung, unterhalten sich, trinken einen Kaffee. Sie scheinen es zu genießen, nicht alleine zu sein. Und sie lächeln glücklich, ja fast berührt zurück, wenn man sie fröhlich grüßt. „Viele haben in ihrem Leben wenig Freundlichkeit und Wertschätzung erfahren“, sagt Gisela Braun vom Diakonieverband. „Da kann man allein mit einem Lächeln viel bewirken.“ Oft werde sie auch auf der Straße gegrüßt, sagt Braun.

Bildergalerie Kleines Lächeln, große Wirkung: Impressionen aus der Reutlinger Vesperkirche

Fotografieren oder filmen lassen sich die meisten Vesperkirchen-Besucher nur ungern. Aber wenn man sie nach ihrer Geschichte fragt, scheint es, als seien sie fast schon erleichtert, dass sich jemand dafür interessiert. Sascha zum Beispiel. Er sitzt in der Tischreihe, die ich bediene: Ein Hüne mit einem freundlichen Lächeln. Auf den ersten Blick sieht man ihm nicht an, wie sehr ihn das Leben gebeutelt hat. 1996 wurde er obdachlos, zwei Jahre lang lebte er auf der Straße, wurde alkoholabhängig.

Gasthaus für Leib und Seele

Dann kam er durch den vor einem Jahr verstorbenen, ehemaligen Vesperkirchen-Pfarrer Klaus Kuntz zum ersten Mal in das „besondere Gasthaus für Leib und Seele“, wie Kuntz die Vesperkirche immer genannt hatte. Auch die Arbeiterwohlfahrt (AWO) half Sascha, wieder Fuß im Leben zu fassen: Er bekam eine Wohnung in einer der Oasen, fand vor kurzem eine Freundin und hat jetzt sogar die Aussicht auf einen Job. „Es geht langsam bergauf“, sagt er und lächelt verlegen.

Heute ist das Helfer-Team mit 25 Personen sehr gut aufgestellt. Stress und Hektik kommen an diesem Vesperkirchen-Mittag nicht auf, es bleibt genügend Zeit für einen Abstecher an die Tischreihe nebenan. Hier sitzen Yvonne und Erika. Yvonne ist eine hagere Frau mit langen Haaren. Ob sie mir ihre Geschichte erzählt? Kurzes Zögern, dann sagt sie mit Schulterzucken: „Klar, es ist halt wie es ist.“ Yvonne ist HIV-positiv und hat starkes Rheuma. Wenn sie kann, isst sie jeden Tag in der Vesperkirche. „Das Kochen ist mit dem Rheuma oft eine Qual“, sagt sie. Sie und Erika kennen sich schon lange, als es noch einzelne Tische und keine Reihen gab, hatten sie sogar ihren „Stammtisch“ im hinteren Eck der Kirche. Auch Erika ist gesundheitlich sehr angeschlagen und wirkt bedrückt, als sie über ihre Geschichte spricht.

Yvonne und Erika sind nicht obdachlos, aber trotzdem sehr froh, dass sie einen Monat lang hier essen können. Besonders da im Januar auch die Stromrechnungen kommen – und den ärmeren Menschen dann noch weniger Geld bleibt.

Um 12.30 Uhr verteilen die Drei an der Essensausgabe nur noch halbe Omeletts. „Geht zur Neige“, sagt Helmut Buck. „Aber wir haben schon nachbestellt.“ Gepflegte und ungepflegte Menschen, Deutsche und Migranten, Obdachlose und Einsame, junge Männer und alte Frauen, Einzelgänger und ganze Familien essen an den drei langen Tafeln nebeneinander. Seit zwei Jahren werden sie direkt an den Tischen bedient. Vesperkirchen-Pfarrer Mutschler sieht das als Rückgabe der Würde: „Diese Menschen müssen sich immer anstellen. Ist doch schön, wenn sie mal bedient werden.“

Mit mir bedienen heute auch Azubis der Metzinger Firma Advanced Unibyte. Alle drei helfen schon das zweite Jahr in Folge mit. Frisör-Lehrlinge schneiden zudem hinter dem Altar kostenlos Haare. Mit den Haaren ist es nämlich wie mit dem Lächeln und dem Bedient-Werden: Eine gepflegte Frisur gibt den Menschen genauso ein Stück ihres Selbstbewusstseins und ihrer Würde zurück.

Info „Mittendrin“ heißt die Artikelserie, in der wir in lockerer Folge in fremde Welten eintauchen.

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