Aktuelle israelische Popmusik ist hip, vielfältig, international und hat mit dem weitaus bekannteren Klezmer nicht mehr viel gemein. Beste Beispiele hierfür sind der charismatische Sänger Asaf Avidan, die in Berlin lebende Sängerin Ofrin und The Angelcy aus Tel Aviv, die als neueste Hoffnungsträger einer zunehmend desillusionierten israelischen Jugend gelten.

Denn die drei Frauen und drei Männer machen nicht nur gute Musik, sie haben auch eine Botschaft. In ihren Texten äußern sie sich kritisch zu der herrschenden Politik ihres Heimatlandes und versuchen, die Gefühle und Frustrationen einer immer skeptischer werdenden Jugend in Worte zu fassen. Gewiss, wer als israelischer Musiker durch die Welt reist, von dem werden politische Kommentare erwartet, der kommt um die Politik einfach nicht herum. Leadsänger Rotem Bar Or geht es aber nicht allein um den Konflikt mit den Palästinensern, er spricht in seinen Liedern auch soziale und ökonomische Probleme in Israel an, "die im Zuge der aufgeheizten Atmosphäre häufig in Vergessenheit geraten", wie er nach dem Konzert erläutert. Er selbst beschreibt den Stil der seit 2014 bestehenden Band als "universell", was zumindest aussagt, dass ihre Musik nicht vieles auslässt.

Man kann die englischsprachigen Texte in Dubai oder New York ebenso gut verstehen wie in Tel Aviv oder in Reutlingen. The Angelcy orientieren sich an modernen, westlichen Sounds, unter Berücksichtigung unterschiedlicher Musikgenres. Bei ihrem anderthalbstündigen Auftritt bewegen sich Rotem Bar Or (Gesang, Gitarre), Uri Marom (Klarinette), Maya Lee Roman (Geige) Aner Paker (Kontrabass) und die beiden Schlagzeuger Maayan Zimry und Udi Naor zwischen lautem Indierock und leisem Folkpop, benützen sphärische Klänge und vor allem die Wandlungsfähigkeit von Rotems Stimme als ganz selbstverständliches Material. Aber sie wagen auch einiges, tauchen ab ins Mysteriöse, Unangepasste, Mehrdeutige und arbeiten sich nicht bloß an der Oberfläche ab. Der schnurrbärtige Leadsänger mit der verletzlichen und doch alles vereinnahmenden Stimme moduliert die verschnörkelten Songs immer wieder zu kleinen Seelendramen. Wenn man nicht auf die Texte achtet und sich ganz auf die Musik konzentriert, wirken The Angelcy wie eine sympathische und noch etwas schüchterne Folkrockband, die viel Wert auf schöne Melodien und stilistische Vielfalt legt.

Titel wie "My Baby Boy", "Rebel Angel", "Giant Heart", "Secret Room" oder "Freedom Fighters" verraten jedoch nach Normalität ringende und sehr wohl politisch denkende Menschen: "Ich widme das nächste Lied der Person, die vielleicht irgendwo weinend in der Toilette sitzt und nicht weiß, wie es weitergehen soll", kündigt Rotem Bar Or die wunderschöne Ballade "We love you just the way you are" an. Doch der nächste Song ist schon wieder geprägt von schrägen und abgefahrenen Momenten, mal brachial, mal ganz leise.

Komplex gefügte Rhythmen in subtilen Steigerungen als Fundament. Rotem Bar Ors biegsame Stimme, ein paar verhaltene Akkorde der erst vor zehn Tagen zur Band hinzugestoßenen Kontrabassistin. Der Rest entwickelt sich wie von selbst. Ruhig fließt die Musik dahin, und nichts an ihr wirkt oberflächlich oder übereilt. Sich Zeit zu nehmen für das Wesentliche, gehört bei The Angelcy einfach dazu - wie auch für die Zukunft der israelischen Popmusik.

Weitere Termine beim Festival - Tickets

Weitere Konzerte beim Festival Indi(e)stinction im Kulturzentrum franz.K:

· 27. Februar, 20 Uhr: Konvoy (Tübingen) sowie Tom Thaler & Basil, Hip-Pop

· 2. März, 20 Uhr: M. Walking on the Water (Krefeld)

· 8. März, 20 Uhr: Sophie Hunger (Schweiz).

Karten gibt es bei unseren SÜDWEST PRESSE-Geschäftsstellen: Reutlinger Nachrichten, Albstraße 4, 72764 Reutlingen; Metzinger-Uracher Volksblatt, Hindenburgstraße 6, 72555 Metzingen; Ermstalbote, Wilhelmstraße 8, 72574 Bad Urach; Alb Bote, Gutenbergstraße 1, 72525 Münsingen. Zudem: www. reservix.de und www.franzk.net.

SWP