Das gängige englische Wort für Songtexte war mit "lyrics" hier sicher nicht gemeint, eher die "klassische" Umschreibung für Poesie und Dichterisches im weiteren Sinn. Aber Lyrik in der Neuen Musik? Wenn man sie als Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten versteht, kann sie durchaus "lyrisch" sein. Oder auch mal melodisch, wie das Eingangsstück von Nuccio dAngelo, "Introduzione e aria" für Violine und Gitarre, wo die Instrumente quasi improvisierte Zwiesprache halten, mit schrägem Sentiment und bitterem Schmelz.

Das Motto des Abends stammte von Horst Lohses "Lyrics", drei Miniaturen, wiederum für Violine und Gitarre, die streiflichtartig ineinander übergingen: "bizarro", "misterioso" und "molto espressivo", in knapp an- und abgerissenen Tönen, zu gläsernem Hauch verfremdet, in zart flatterndem Tremolando angedeutet.

Kleine Klangkunstwerke, konzentriert gestaltet in behutsamem Miteinander und mit großem Können, erfüllt mit dichter Atmosphäre, die durch die räumliche Nähe im Spendhaus verstärkt wurde.

Aus der Zeit der Zwölfton-Mode stammten die "Three Pieces" für Gitarre solo von Thomas Wilson. Auch heute noch fordern sie Spieler wie Hörer durch ihre "akademische" Faktur, auch wenn Sebastian Albert das sperrige Notat mit viel Einfühlung, Klangsinn und Ausdruckskraft auflud.

Wie öfter in dieser Reihe war Musik aus erster Hand zu erleben: C. René Hirschfeld ist Geiger und Komponist zugleich und präsentierte eigene Werke. Zunächst die "Solitude" für Violine solo, in der durch Skordatur (Umstimmen einzelner Saiten) neue Farbigkeit erzeugt und der übliche "schöne" Geigenton in Frage gestellt wird, in einem leisen, doch sprachmächtigen Monolog eines Einsamen, auf einer zarten Tour de force durch Stile und Ausdruckswelten.

Melancholische Stimmungen prägten auch den zweiten Teil, obwohl die zwei Musiker in ihrer Moderation gute Laune verbreiteten. In "Philipps gone" beklagt Komponist Rainer Rubbert den Verlust eines Freundes; C. René Hirschfeld und Sebastian Albert widmeten sich dieser verhaltenen Klage mit viel Feinsinn und Gespür für die Expressivität zwischen den Zeilen und in den Pausen. Tiefere Dimensionen erhält dieses Stück durch die Verwendung einer Bratschensaite und durch einen episodischen Rollentausch der Instrumente: Die Gitarre wird sanft mit dem Geigenbogen gestrichen, die Geige gezupft.

Danach blieb Toru Takemitsus "Equinox" ein wenig blass, ein träumerisches Gitarrenstück in sanften Farben, bevor C. René Hirschfelds "Nachtstück" für Violine und Gitarre den Abend beschloss, erläutert und erschlossen durch Hirschfeld selbst.

Er erzählte, wie er eine Schauspielmusik zu Shakespeares "Sommernachtstraum" komponiert hatte, der mit menschlichen Darstellern und Puppen (für die Fabelwesen) besetzt war, mit Motiven für den Zauberwald, für Puck, und einem Schlaflied für die Elfen, die er später in diesem "Nachtstück" zusammenfasste. Nicht nur lyrisch, sondern geradezu bildhaft präsent erschien diese Musik, die mit kontrastierenden Themen und (erneut mittels Skordatur erzeugten) fein abgestuften, herb-süßen Saitenklängen in ungewohnten Farbnuancen fesselte, von den beiden Künstlern erneut mit viel Einfühlung und dichter - lyrischer - Spannung erfüllt. Eine feinsinnige, intime Musik, für die das Händeklatschen des kleinen Auditoriums fast zu brutal erschien.