Der Reutlinger Gemeinderat ist gestern Abend dem Wunsch der Verwaltung gefolgt und hat der Einreichung der Klagebegründung gegen den Bescheid des Regierungspräsidiums vom Februar diesen Jahres zugestimmt. Die Ermessensgrundlage der RP-Entscheidung sei fehlerhaft, heißt es in der 240-seitigen Klagebegründung.
Damit ist die Bebauung des G+V-Areals in Metzingen und die damit verbundene Erweiterung respektive der Umzug von Hugo Boss von der Kanalstraße auf eine repräsentative Fläche erst einmal auf Eis gelegt. Freilich wurde auf Antrag der CDU der Wunsch nach einer nachbarschaftlichen Lösung formuliert und Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch betonte, die Reutlinger Gesprächsbereitschaft sei weiterhin vorhanden. Doch die Klage ist nun erst einmal auf den Weg gebracht.

Metzingens Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler hatte in einem Brandbrief, der in den vergangenen Tagen an die Reutlinger Gemeinderäte ging, noch einmal um eine Rücknahme der Klage gebeten und auf die wirtschaftliche Entwicklung für die ganze Region hingewiesen. Die Reutlinger Gemeinderäte sind letztlich Oberbürgermeisterin Bosch gefolgt.

Die Rechtslage ist überaus komplex. Der Investor Holy AG will das G+V-Areal in Metzingen bebauen, die dort fließende Erms renaturieren sowie Rad- und Gehwege anlegen und die derzeitige Industriebrache wieder einer Nutzung zuführen. Zuvorderst soll hier Hugo Boss eine neue Dependance eröffnen und aus dem bisherigen Hinterhof in der Kanalstraße herauskommen. Auf insgesamt 10745 Quadratmeter Fläche sollen dort zudem weitere hochwertige Designermarken angesiedelt werden. Das Regierungspräsidium Tübingen hat grünes Licht für das Vorhaben gegeben. Zu Unrecht, wie der Anwalt der Stadt Reutlingen, Professor Dr. Klaus-Peter Dolde vom Anwaltsbüro Dolde Mayen & Partner in der Ratssitzung ausführte. Die Bebauung des G+V-Areals sei nämlich nicht als eigenes Factory Outlet zu betrachten, wie es sowohl Regierungspräsidium als auch die Stadt Metzingen reklamieren, sondern hänge vielmehr mit der gesamten Outlet City zusammen und müsse deshalb als gesamte Erweiterung aller Outletflächen betrachtet werden. Stefan Dvorak, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Vermessung, legte den Räten das Wachstum der Outletflächen in Metzingen vor, von einst 22.000 Quadratmetern Verkaufsfläche im Jahr 2004 bis zu knapp 30.000 heute, mit der geplanten Erweiterung komme Metzingen auf 40.000 Quadratmeter Outletflächen (die Innenstadt Reutlingen verfügt über 47.000 Quadratmeter Verkaufsflächen). Von Salami-Taktik war die Rede „Es gibt hier keinen Deckel mehr. Metzingen kann grenzenlos wachsen.“ Laut Dvorak muss Reutlingen mit einem Kaufkraftverlust von 6,5 Millionen Euro im Textilbereich rechnen, sollte Metzingen seine Pläne umsetzen. Und Dolde drückte es so aus: „Kein Factory Outlet Center gehört in ein Mittelzentrum.“ Wenn Reutlingen die Sache jetzt laufen lasse, dann komme in fünf Jahren die nächste Erweiterung, warnte Dolde. Oberbürgermeisterin Bosch sagte, man habe viel Verständnis dafür, dass sich ein Unternehmen entwickeln müsse. Aber es gebe auch ein übergeordnetes Interesse. „Wachstum kann nicht unbegrenzt sein.“ In Metzingen habe sie keine Bereitschaft gesehen, sich zu beschränken. Gleichzeitig betonte Bosch, die Klage richte sich nicht gegen Metzingen, sondern gegen das Land Baden-Württemberg.

Dies wird ihr Metzinger Kollege Fiedler ganz anders sehen. Denn für ihn und die Stadt geht es um 30 Millionen Euro, die ein Investor auf einer Industriebrache mitten in der Stadt verbauen und diese Flächen wieder beleben will. Jetzt sind die Planungen erst einmal gestoppt.