Klassik Kindlich anrührend, konsequent historisch

Reutlingen / SUSANNE ECKSTEIN 20.03.2018

Ein großes Werk, eine bewundernswerte Leistung: Der Knabenchor Capella Vocalis unter Leitung von Christian J. Bonath führte in der Marienkirche Bachs Johannespassion auf.

Chorleiter Christian J. Bonath verfolgt konsequent den Weg der historisch informierten Aufführungspraxis. Auch diesmal, bei Johann Sebastian Bachs Johannespassion: Er erläuterte nicht nur in der Werkeinführung ausführlich die Hintergründe und verwendete historisches Instrumentarium, vertreten durch „sein“ Wormser Barockensemble „Pulchra musica“, sondern ging einen Schritt weiter, indem er auch die Sopran- und Alt-Soli von Knabensolisten aus den Reihen von capella vocalis singen ließ. Zu Bachs Zeiten hatten Frauen in der Kirche zu schweigen, weswegen damals die Diskant-Partien von Knaben übernommen wurden.

Heute ist das anders, professionelle Sängerinnen verfügen natürlich über mehr Sicherheit, Ausdruck und Gestaltungskraft als Kinder.

Dennoch bieten die Knabenstimmen auch Vorteile: Johann Sebastian Bach hat ihr schmales Timbre wohl mitgedacht, und im Zusammenspiel mit den feiner klingenden barocken Instrumenten offenbaren die entsprechenden Arien nicht nur genau die richtige Balance, sondern auch einen besonderen, kindlich anrührenden Ausdruckscharakter. Vielleicht war dies von Bach so gewollt, als Stimme der gläubigen Seele etwa in „Zerfließe, mein Herze“?

„Diese Musik will ergreifen“, so Bonath in seiner Begrüßung.

Auch die erwachsenen Solisten entstammen Knabenchören: Der Tenor Marcus Elsäßer, der hier kein Unbekannter mehr ist und den Part des Evangelisten innehatte, erhielt seine Grundausbildung im Knabenchor Berlin, die Baritone Emanuel und Nikolaus Fluck (als Jesus bzw. Pilatus) die ihre bei den Limburger Domsingknaben. Als erwachsener Altus ergänzte Capella-Vocalis-Solist Jan Jerlitschka die Runde.

Das zahlreich erschienene Publikum erlebte eine lebhafte Interpretation. Christian J. Bonaths ausgreifende Gestik inspirierte die Mitwirkenden nicht nur zu ausdrucksvoller Gestaltung, sondern auch zu raschen Tempi; manches wirkte ausgesprochen tänzerisch und konzertant. Ein kleines Highlight im ersten Teil: die Tenor-Arie „Zerschmettert mich, ihr Felsen und ihr Hügel“ mit scharf artikulierten Streicherfiguren, leichter Bewegung und ausdrucksvoller Textausdeutung. Als Grundlage diente durchweg eine strikte Wort-Orientierung, wie sie Marcus Elsäßer als Evangelist vorbildlich verkörperte – deutlich in der Diktion, sprechend im Ausdruck.

Der Knabenchor und die Solisten zeigten eine mustergültige Leistung, ob vielfach verschränkt oder im schlichten, homogenen Satz. Lediglich das Zusammenspiel mit den Instrumentalisten schien hie und da etwas fragil; zwar musizierte oder sang jede/r für sich quasi perfekt, die Balance stimmte, doch es fehlte ein wenig an der inneren Übereinstimmung, die sich eventuell durch mehr gemeinsame Proben einstellen mag.

Die betonte Lebhaftigkeit der Darstellung wich nach dem „Es ist vollbracht“ einem ruhigeren Duktus, Bonath und die Seinen ermöglichten den Zuhörern zwischen den nach wie vor spannungsreichen Sätzen Momente des Innehaltens, beschlossen von einem harmonischen Ausklang und – zu Recht – lang anhaltendem Applaus für alle Mitwirkenden.

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