Es ist zunächst einmal eine gute Nachricht: Die Stadt Reutlingen verzeichnet eine starke Zunahme von Kindern. Der Bevölkerungszuwachs im Bereich der Kinder bis zum Schuleintritt lag Mitte 2019 bei 6571 Kindern. Bis zum Jahr 2023 werden 6953 Kinder prognostiziert. Dies bedeutet aber auch, dass die Stadt angesichts des gesetzlichen Anspruchs für mehr Betreuungsplätze sorgen muss.

Die Bedarfsplanung bis 2023 wurde am Dienstagabend dem Verwaltungs-, Kultur- und Sozialausschuss vorgelegt und soll am 18. Februar im Gemeinderat beraten und dann beschlossen werden. Schwerpunkte sind neben dem Platzausbau die Anpassung der Betreuungszeiten an die Bedürfnisse der Eltern, die Gewinnung von weiterem Fachpersonal, die Sprachbildung und Sprachförderung. In verschiedenen Einrichtungen soll zudem eine neue Betreuungszeit mit 35 Stunden pro Woche, also sieben Stunden pro Tag ohne Pause, umgesetzt werden.

Hunderte Plätze fehlen

Fakt ist: Derzeit fehlen hunderte Betreuungsplätze in allen Altersstufen, allein bei der letzten Anmeldung konnte 400 Kindern kein Betreuungsplatz zugewiesen werden. 954 zusätzliche Plätze will die Stadt bis 2023 bauen und einrichten. Ob dies ausreicht ist derzeit ungewiss. Zumal die Stadt mit den Planungen, Neubauten und Erweiterungen gar nicht so schnell hinterher kommt, wie dies eigentlich nötig wäre.

Der Bereich der Kinderbetreuung ist der größte Ausgabeposten im Reutlinger Doppelhaushalt und liegt aktuell bei 50 Millionen Euro. „Vor zwölf Jahren war es noch weniger als die Hälfte“, sagt Sozial- und Verwaltungsbürgermeister Robert Hahn. Das Ziel der Kommunalpolitik ist klar definiert: ein weiterer Ausbau der Betreuungsplätze. Die Bedarfsplanung ist deshalb so schwierig, weil die Kinderzahlen prozentual stärker zunehmen als die Einwohnerzahlen. Die Prognosen der letzten Jahren sind also längst überholt.

4832 Betreuungsplätze gab es Mitte 2019 auf dem Gebiet der Stadt Reutlingen und zwar sowohl städtische als auch kirchliche und solche von freien Trägern. Im vergangenen Jahr wurden 239 neue Plätze im Ü-3-Bereich geschaffen, 31 Plätze im U-3-Bereich. In diesem Jahr sind 215 beziehungsweise 26 neue Plätze geplant.

Eigentlich sollte der Deckungsgrad bei jeweils 40 Prozent im U-3-Bereich und in der Ü-3-Ganztagesbetreuung liegen, bei 105 Prozent im gesamten Ü-3-Bereich, wie Sozialamtsleiter Joachim Haas erklärt. Doch davon ist Reutlingen weit entfernt. Für die unter Dreijährigen liegt die Bedarfsdeckung bei gerade mal 30 Prozent, in der Ganztagesbetreuung bei 25 Prozent. Bei den ab Dreijährigen war der Bedarf Mitte vergangenen Jahres zu 94 Prozent gedeckt.

Unterschiede in den Stadtgebieten

Nicht alle Stadtgebiete sind vom Platzmangel gleich betroffen. Eng wird es freilich in Neubaugebieten, aber zum Beispiel auch in Orschel-Hagen, wo sich derzeit ein Generationenwechsel vollzieht und dort mehr junge Familien zuziehen.

Auf die Stadt könnte noch weiteres Ungemach zukommen. Sollte das Land den Stichtag für die Grundschulaufnahme tatsächlich auf den 1. Juni und damit nach vorne verlegen, würden Kinder, die danach geboren sind, länger im Kindergarten bleiben als bislang geplant. Hahn hofft nun, dass die Vorverlegung wenigstens in Etappen erfolgt. So soll es wohl werden (siehe Kasten in diesem Artikel). „Eine Vorverlegung von drei Monaten bedeuten für uns 300 Kinder, die im Kindergarten bleiben“, sagt Hahn. Und hofft in einer weiteren Angelegenheit noch auf das Land: Um zeitlich befristete Übergangslösungen, um zwei Kinder mehr in eine Gruppe aufnehmen zu dürfen. „Das würde uns schon enorm helfen.“

Der Ausbau der Betreuungsplätze geht aber auch einher mit einem zusätzlichen Bedarf an Personal. Mehr als 700 Erzieher und Erzieherinnen sind beschäftigt, verteilt auf 440 Vollzeitstellen. 31 FSJler kommen hinzu. Die Stadt Reutlingen betreibt seit geraumer Zeit eine Image-Kampagne, um Fachkräfte für die Betreuungseinrichtungen zu gewinnen.

Nicht vergessen werden darf bei aller Planung und Erweiterung aber auch, dass die Stadt vor allem in die Qualität der Betreuung investieren will. Im Rahmen der Haushaltsplanungen 2019/2020 wurde die Leitungszeit für alle Träger in der Stadt umgesetzt. Die Qualität der Sprachförderung und Sprachbildung wurde in den vergangenen Jahren weiterentwickelt.

Einschulung: Stichtag wird vorverlegt


Dem früheren Stichtag bei der Einschulung in Baden-Württemberg steht wohl nichts mehr im Wege. Das grün-schwarze Kabinett hat am Dienstag der Stichtagsverlegung  auf 30. Juni (bislang 30. September) zugestimmt. Das Parlament in Stuttgart wird voraussichtlich im März darüber beschließen. Allerdings soll die Vorverlegung stufenweise erfolgen. Gegen eine Vorverlegung auf einen Schlag waren die Kommunen Sturm gelaufen.  Für das Schuljahr 20/21 würde der Stichtag zunächst auf den 31. August vorverlegt.