Reutlingen / SIMON WAGNER Nach einer Scheidung leben Kinder zumeist bei der Mutter. Der bundesweit aktive Verein "Väteraufbruch für Kinder" fordert die Abkehr von diesem Prinzip.

Laut Zahlen des statistischen Bundesamts von 2014 werden in Deutschland 35 Prozent aller in einem Jahr geschlossenen Ehen im Laufe der kommenden 25 Jahre geschieden. Dem Rosenkrieg folgt bei gemeinsamen Kindern nicht selten der Streit ums Sorgerecht und der Gang vor Gericht. Dort entscheiden Richter in der Regel zu Gunsten eines einzelnen Partners. Zumeist sind es die Väter, die sich anschließend mit der Rolle des Finanziers und des Teilzeit-Animateurs begnügen müssen. Wenn es gut läuft. Der bundesweit aktive Verein "Väteraufbruch für Kinder" geht davon aus, dass die Hälfte der jährlich rund 300 000 Scheidungskinder faktisch und von Amtswegen zu Halbwaisen werden.

Für Angela Hoffmeyer, Bundesvorstand des Vereins, ein Unding und die Folge einer überholten Rollenzuweisung nach Art des Hausfrauenmodells, das weder auf das Selbstverständnis moderner Väter eingehe, noch Rücksicht nehme auf die natürlichen Bindungen der Kinder. Seit Jahren kämpft der Verein für einen Paradigmenwechsel und für das Recht aller Kinder auf Familienleben mit beiden leiblichen Eltern. Das Credo: "Kinder brauchen beide Eltern." Auf dem Berliner Polit-Parkett, wie auch am Donnerstag beim Themenabend des Kreisvereins Neckar-Alb, moderiert von Holger Bergmann, fordert Hoffmeyer deshalb die sogenannte Doppelresidenz als Leitbild.

Ein Modell, bei dem sich die getrennt lebenden Eltern die Verantwortung für die Kinder gleichberechtigt teilen und ihnen ermöglichen, mal bei Mama, mal bei Papa zu leben, statt dort jeweils nur zu Gast zu sein. Die so im beiderseitigen Alltag fortgeführten Bindungen, samt den damit einhergehenden "Qualitätszeiten" würden einerseits den Kindern helfen, sich zu stabilen Persönlichkeiten zu entwickeln - die Eltern wiederum bewahre jenes Modell davor, sich entweder abgehängt zu fühlen oder alleinerziehend in die Falle Altersarmut zu tappen. Für Hoffmeyer schlicht eine "win-win-win-Lösung".

Ihre Überzeugung speist sich auch aus einer Vielzahl von Studien, die die geteilte Fürsorge als das geeignetste Modell kürt, wenn es gelte, die psychischen, aber die durchaus auch feststellbaren körperlichen Folgen eines abrupten Beziehungsabbruchs bei Kindern, wie auch bei ausgebooteten Elternteilen zu vermeiden. Jene Studien renommierter Psychologen, aber auch positive Beispiele aus der gelebten Praxis, führt sie gegen Kritiker ins Feld, die einen einzigen Lebensmittelpunkt als notwendig erachten und davor warnen, die Kinder zwischen zwei Orten pendeln zu lassen. Ihr Merksatz: "Stabilität ist keine geographische, sondern eine emotionale Größe."

Den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz: "Die rechtliche Situation in Deutschland steht im völligen Gegensatz zu den Forschungsergebnissen", so Hoffmeyers Bestandsaufnahme. In vielen Ländern Europas, wie etwa Schweden, Frankreich oder Niederlande, zählt die Doppelresidenz dagegen teils seit vielen Jahren zu den gerichtlichen Anordnungsmöglichkeiten. Immerhin erkennt sie ein langsames Umdenken. Das Bundesfamilienministerium hat jüngst eine Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, welches Betreuungsmodell dem Kindeswohl nach einer Trennung am ehesten entspricht. 1200 Trennungsfamilien sollen befragt und gerichtliche Verfahren analysiert werden.

Um das Kindeswohl statt um ideologische Grabenkämpfe geht es Hoffmeyer und ihren Vereinsmitstreitern. Die Zeit sei reif, konservative Rollenbeschreibungen zu überwinden. Unterstützung erhält der Verein dabei vom Verband berufstätiger Mütter, aber auch vom Europarat. Mit seiner Entschließung vom Oktober 2015 empfiehlt er den Mitgliedsstaaten die Doppelresidenz als vorrangig zu behandeln und nur in begründeten Ausnahmefällen davon abzuweichen. Zwingend umzusetzen ist diese Empfehlung allerdings nicht und so wird Hoffmeyer und ihr Verein weiter Überzeugungsarbeit bei Politik, Justiz und Gesellschaft leisten. Denn letztendlich gehe es auch um die Beseitigung eines blinden Flecks: Familienpolitik existiere gegenwärtig nur bis zur Trennung eines Paares. Danach, die Rolle rückwärts. Doch: "Ein Kind ist mehr als nur eine Kontoverbindung."

Der bundesweit aktive Verein "Väteraufbruch für Kinder" wurde 1988 gegründet und zählt aktuell rund 4000 Mitglieder, sowie rund 100 Kreisvereine. Ende 2014 wurde der für die Region Neckar-Alb gegründet und deckt die Landkreise Reutlingen, Tübingen und Esslingen ab. Er bietet Mitgliedern und Nichtmitglieder Infos, kostenlose Beratungen (keine juristische) und vermittelt an geeignete Stellen.

Info Der Verein veranstaltet offene Treffen, jeweils am ersten Mittwoch des Monats. Nächster Termin ist am Mittwoch, 6. Juli. Treffpunkt: die Medien Akademie in Metzingen (Eisenbahnstraße 29). Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Für telefonische Anfragen steht Thomas Riehle bereit, unter: (0 70 22)78 96 212. Internet: www.neckar-alb.vaeteraufbruch.de