Biker-Wetter sieht anders aus. Der Sturm, der gestern über Reutlingen hinwegfegte, dürfte auch fitte Fahrradfahrer beinahe aus der Spur geweht haben. Das schmälerte die Freude bei Oberbürgermeisterin Barbara Bosch und den Verantwortlichen der Reutlinger Wafios AG jedoch nicht: Auf dem Gelände des alteingesessen Maschinenbauers ist jetzt die erste öffentliche Radservice-Station in der Innenstadt, und die zweite im gesamten Reutlinger Stadtgebiet, eingeweiht worden.

Pumpen, flicken, schrauben – auf dem hinteren Parkplatz der Firma Wafios an der Silberburgstraße können sich Radfahrer nun selbst helfen, so sie in Oststadt-Nähe eine Panne haben. Nutzen darf die Service-Station jeder. Gewonnen haben die Reparatur-Box allerdings 26 Mitarbeiter der Wafios AG, und zwar mit ihrer eigenen Beine Kraft: Ein Teil der Belegschaft erstrampelte beim Reutlinger Stadtradeln im vergangenen Jahr exakt 12 501 Kilometer. Damit lagen die Metaller in der Firmenwertung ganz vorne und sicherten sich den von der Stadtverwaltung erstmals ausgelobten Preis.

Fürs fleißige Treten gab’s nun ein Extra-Lob von der Oberbürgermeisterin. Barbara Bosch sieht den Einsatz gerne, denn die Stadt möchte mit einer Radfahr-Offensive mehr Bikern als bisher in den Sattel helfen. Sprich, den Anteil der Radfahrer am öffentlichen Verkehr erhöhen. Das fördert das Klima, und selbiges muss die Stadt im Blick haben – der Feinstaub lässt grüßen.

Kurz, die neuen Radservice-Stationen seien ein Baustein auf dem Weg, eine „neue Reutlinger Radkultur zu schaffen“, sagte die OB. Elf solcher Reparaturboxen will die Stadtverwaltung bis Ende des Jahres 2019 im Reutlinger Stadtgebiet aufstellen. Die erste finden Radler bereits in Mittelstadt, eine zweite nun bei Wafios – und schon im Frühjahr folgen weitere vier Servicepunkte, kündigte Barbara Bosch an. Standorte sind das Tübinger Tor, die Metzgerstraße, die Planie und die Straße „Unter den Linden“.

An den Stationen können Radler nicht nur Schrauben nachziehen und Reifen aufpumpen, auch wer einen Platten hat, findet alles Nötige, um sich selbst zu helfen.

Raus aus dem Stau, rauf aufs Fahrrad, soweit also das Gebot der Stunde. Gerade Berufspendler seien eine wichtige Zielgruppe für die städtische Radfahroffensive, betont die OB. „Pendler fahren jeden Tag, da kann man viel CO2 einsparen.“

Kohlendioxid eingespart haben die Reutlinger beim Stadtradeln ganz ordentlich. Alle Biker legten zusammen gut 200 000 Kilometer zurück. Das reicht fünf Mal um den Äquator herum und entspricht einer Ersparnis von 28,5 Tonnen CO2, bilanzierte Bosch. Für fast ein Viertel der Bilanz, nämlich gut 44 000 Kilometer, zeichneten die teilnehmenden Reutlinger Firmen verantwortlich. Überhaupt waren die Unternehmen 2018 erstmals beim Stadtradeln gelistet. Mitgemacht haben gleich zwölf Betriebe – darunter eben die sportlichen Wafios-Beschäftigen.

Pro Mitarbeiter legten die Maschinenbauer während der Rad­aktionstage 480 Kilometer zurück. Wafios-Vorstandsmitglied Dr. Uwe-Peter Weigmann und Personalleiter Winfried Peter sind stolz darauf: Bei dem Reutlinger Traditionsbetrieb steigen  nicht nur die jungen Sportlichen  aufs Fahrrad um, sondern Beschäftigte jeden Alters – vor allem die Dreißig- bis Vierzigjährigen. „Da bleibt der Firmenwagen auch mal stehen“, freut sich Weigmann, der selbst von Nürtingen öfters in die Reutlinger Kreisstadt radelt.

Für die Zukunft wünscht auch er sich, dass das Radfahren „im Süden endlich zum Kulturgut wird.“ Während im Rest der Republik schon viele Zweirad-Fans auf den Straßen unterwegs sind, setzten in der Region die meisten immer noch aufs Auto. „Das muss sich ändern.“ Und auch, was den Umgang mit den Radfahrern im Verkehr angeht, sehen Barbara Bosch und Uwe-Peter Weigmann Nachholbedarf. „Manchmal wird man als Radler fast übersehen. Autofahrer müssen mehr Rücksicht nehmen.“

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Rad-Servicestationen sollen im gesamten Reutlinger Stadtgebiet bis Ende des Jahres 2019 entstehen. Die nächsten Adressen sind Tübinger Tor, Metzgerstraße und Planie.