Betzingen Keine Angst vor Papierkram

Andrea Meyle, Günter Klinger und Pfarrer Christoph Zügel wissen, dass manche Formulare unverständlich sind.
Andrea Meyle, Günter Klinger und Pfarrer Christoph Zügel wissen, dass manche Formulare unverständlich sind. © Foto: Leister
Betzingen / NORBERT LEISTER 03.03.2015
KAP heißt ein neues Projekt, das Menschen helfen soll, die Probleme mit Formularen und Behördendeutsch haben. "Keine Angst vor Papierkram" beginnt kommende Woche im Betzinger Gemeindehaus.

Man sitzt über einem Behördenformular und versteht beim Ausfüllen nicht, was da von einem verlangt wird. Der Reutlinger Diakonieverband, der Betzinger Krankenpflegeförderverein und die Mauritiuskirchengemeinde wollen da Abhilfe schaffen, denn mit einem neuen Projekt kann geholfen werden. KAP heißt das Kürzel für "Keine Angst vor Papierkram". Ab kommender Woche wird jeden Dienstag (14.30 bis 17 Uhr) sowie Donnerstag (9.30 bis 12 Uhr) im Gemeindehaus der Mauritiuskirche jemand vor Ort sein und helfen, soweit es möglich ist.

Vier Ehrenamtliche haben sich nach den Worten von Andrea Meyle bereits gefunden, die sich mit Behördendeutsch auskennen. Bei der Vorstellung des neuen Projekts verwies Günter Klinger als Geschäftsführer des Diakonieverbands auf die Erfahrungen mit "Rat und Tat" im Hohbuch - dort hilft Meyle zusammen mit Ehrenamtlichen bereits seit vier Jahren bei Schreibkram. Helfen können die KAP-Mitarbeiter etwa bei Anträgen zur Pflegeversicherung, für einen Schwerbehindertenausweis oder für Hartz IV. "Ich kenne einige Menschen, die keinen Antrag bei der Pflegeversicherung stellen, weil sie den Papierkram fürchten", betonte Pfarrer Christoph Zügel, für den es keine Frage war, als Andrea Meyle bei ihm wegen des Projekts anfragte. "Wir unterstützen KAP gerne durch den Krankenpflegeförderverein." Knapp 12.000 Euro gibt der Verein dazu, der noch größere Batzen wird von der Lechler-Stiftung mit 45.000 Euro für drei Jahre übernommen. Aus den Erfahrungen im Hohbuch weiß Meyle, "dass nicht nur ältere Menschen oder Migranten diese Hilfe in Anspruch nehmen". Es kommen auch Jüngere, die etwa mit einem Bafög-Antrag nicht zurechtkommen. "Es gab sogar Ratsuchende, die wegen eines Briefes kamen und mit drei Kreuzen unterschrieben haben." Das KAP-Angebot ist kostenfrei "und natürlich werden Daten vertraulich behandelt", so Meyle. Jeder kann die Hilfe in Anspruch nehmen, sofer die Person noch geschäftstüchtig ist.

Obwohl im Erdgeschoss des Gemeindehauses das Asylcafé ihren Unterschlupf gefunden hat, "können wir keine Asylbewerber beraten, solange sie keinen Aufenthaltstitel haben", betonte Meyle. Sobald die Flüchtlinge anerkannt sind oder eine Duldung haben, sind sie allerdings mit den gleichen Problemen befasst wie viele andere Menschen auch: Sie müssen dann vielleicht auch Hartz-IV-Anträge ausfüllen, Wohngeld beantragen, Briefe von Behörden beantworten. Und wie kompliziert das sein kann, zeigt allein schon das Beispiel von unverständlichen Begriffen aus einem Wohngeldantrag: Was bitte ist eine "Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft"? Was wird unter "Transferleistungen" verstanden, unter "positiven Einkünften" oder "Wohnkostenentlastung"? Wie gut, wenn man solche Anträge nicht ausfüllen muss. Oder wenn es Hilfe gibt - beim KAP-Projekt, eben wie Kap der guten Hoffnung.