Reutlingen Kein Grund zur Angst

Katrin Haselberger (links) freut sich noch über die Unterstützung und Betreuung ihrer Tochter Lilli durch die angehende Sonderpädagogin Svenja Kaipf, aber die Einzelbetreuung von behinderten Menschen ist in Reutlingen bedroht. Foto: Norbert Leister
Katrin Haselberger (links) freut sich noch über die Unterstützung und Betreuung ihrer Tochter Lilli durch die angehende Sonderpädagogin Svenja Kaipf, aber die Einzelbetreuung von behinderten Menschen ist in Reutlingen bedroht. Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 30.04.2014
Die Fakultät für Sonderpädagogik wird aufgelöst. Ein Problem haben dadurch vor allem Familien mit behinderten Kindern - die Einzelbetreuung ihrer behinderten Kinder durch die Studierenden geht verloren.

Lilli hat "autistische Verhaltensweisen". Und das bedeutet? Sie ist in mancherlei Hinsicht nicht so wie andere Kinder - Lilli spielt nicht, konnte sich aber während einer Lebensphase stundenlang mit Kieselsteinen beschäftigen. Und was allein bei dem Treffen im Reutlinger Kaffeehäusle vor wenigen Tagen klar wurde: Das elfjährige Mädchen benötigt intensive Betreuung. Und deshalb ist Mutter Katrin Haselberger froh, wenn sie alle paar Tage von Svenja Kaipf Unterstützung erhält - die Studentin der Sonderpädagogik kommt regelmäßig und nimmt Lilli für ein paar Stunden mit. Kaipf geht mit ihr zum Schwimmen oder in die Eishalle.

Vorsicht, Umsicht, Aufsicht ist bei Lilli also meist notwendiger als bei anderen Kindern. Eine extrem fordernde Aufgabe, die weit über das übliche Maß bei der Kinderbetreuung hinausreichen kann? "Ach, es geht eigentlich, wenn Lilli in der Schule ist und ihre feste Struktur hat", betont die Mutter. Schwieriger wird es in den Ferien, wenn das Gewohnte wegfällt. Dann muss die Familie immer Dinge suchen, die die Elfjährige faszinieren, die sie gerne macht. Wie Schwimmen etwa - wenn Svenja Kaipf kommt, dann freut sich Lilli. "Das ist nicht selbstverständlich bei Autisten", sagt Johanna Nohr, die neben Christel Schmauder als hauptamtliche Kraft beim Familienunterstützenden Dienst (FEDER) arbeitet.

"Ich bin sehr froh über das Ferienprogramm, das ihr anbietet", sagt Haselberger zu Nohr und Rosemarie Henes, der Leiterin des Kaffeehäusles und der Reutlinger Lebenshilfe. Geschätzt werden auch die Begleitung zu Ämtern und die Beratung des Dienstes - besonders, wenn Fragen zur Pflege, zur Finanzierung auftauchen, in welchen Kindergarten soll mein Kind gehen, was tun, wenn ein Schulwechsel ansteht. "Das ist oft eine riesige Palette an Themen", betont Henes.

Doch auch die Hauptamtlichen bei "Feder" haben Probleme: "Wir kriegen die sehr intensiven Beratungsleistungen nur zum Teil bezahlt", sagt Johanna Nohr. "Wir betteln ständig bei Stadt und Landkreis um eine bessere Finanzierung", ergänzt Rosemarie Henes. Ihre klare Aussage lautet: "Wenn Inklusion ernst genommen wird, dann müssen alle zusammen helfen." Und das gehe die ganze Gesellschaft an. Ein weiteres Problem für die Lebenshilfe wie auch für die BruderhausDiakonie - die zusammen als Träger hinter dem Familienunterstützenden Dienst stehen - ist der Abzug der Fakultät für Sonderpädagogik aus Reutlingen.

Svenja Kaipf ist eine der letzten Studierenden, die ihren Abschluss an der Achalm bis zum Sommer 2015 machen kann. "Danach fehlen uns die Freiwilligen aus den Studiengängen, die sich bislang für die Einzelbetreuung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung gemeldet haben", sagt Johanna Nohr. Rund 50 Studierende sind es zur Zeit noch, die sich in den Betreuungen engagieren. Wenn alle wegfallen, wird es für FEDER und vor allem für die Betreuten und deren Eltern schwierig. Deshalb gehen die Hauptamtlichen jetzt schon auf die Suche nach Ehrenamtlichen, um die fachlich vorgebildeten Studierenden zu ersetzen.

Angst vor Überforderung müssten Interessenten aller Altersschichten mit einem Mindestalter von 18 Jahren aber nicht haben, "das soll ja kein therapeutisches Unternehmen werden", betont Nohr. Professionelle Ansprechpartner und Anleitung seien vorhanden, Aufwandsentschädigung und Fahrkostenerstattung selbstverständlich. "Wichtig ist das Setting, dass beide Personen zueinander passen", so Henes. Und: Es ist ja nicht so, dass die Freiwilligen da immer nur reinstecken. "Sie kriegen ja auch sehr viel zurück, wie die Mitarbeiter selbst immer berichten", betont Nohr.