Reutlingen Keimzelle des Ungehorsams

Schon äußerlich ein „Kulturschock“: Das Gebäude der Zelle auf der Bobrczyk-Insel.
Schon äußerlich ein „Kulturschock“: Das Gebäude der Zelle auf der Bobrczyk-Insel. © Foto: Fotos: Jürgen Spieß
Von Jürgen Spieß 07.07.2018

Das selbstverwaltete Jugendzentrum „Kulturschock Zelle“ lebt und feiert sich selbst: Vom 10. bis 15. Juli präsentiert das Jugendhaus in der Reutlinger Albstraße zum 50-jährigen Bestehen zahlreiche Konzerte, eine Streetparade und eine Ausstellung.

In dieser Woche schwebt der Geist der Zelle über der Achalmstadt: Denn zwischen 10. und 15. Juli wird das autonome Jugendzentrum ein Ort sein, an dem sich Welten treffen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Junge Punker und Szene-Nasen treffen auf Alt-Hippies und Ex-Zellis, die heute angesehene Bürger, zum Teil Uni-Dozenten oder schon in Rente sind.

In dieser Woche sind sie alle gleich, denn sie verbindet eine gemeinsame Geschichte: die Erinnerung an 50 Jahre Kulturschock Zelle. Eigentlich hat sich gar nicht so viel verändert seit den improvisierten Anfängen Ende der 60er Jahre. Zwar musste die Zelle seitdem dreimal den Standort wechseln, ein Treffpunkt für Aufmüpfige ist sie jedoch immer geblieben, ein Hort der Independent-Szene, ein Gegenentwurf zur etablierten Kultur.

Vielleicht ist genau das der Grund für den legendären Ruf dieser „Keimzelle des Ungehorsams“. Angefangen hat alles mit zehn Leuten im alten Lagerhaus der Firma Samen-Sprandel zwischen heutiger Post und Bahnhof, in dem am 8. Juli 1968 die Galerie Zelle als eingetragener Verein gegründet wurde. In dem Laden fanden Lesungen, Vortragsabende, Tanzveranstaltungen und Konzerte statt, Bilder wurden ausgestellt, Kreativ-Workshops abgehalten und Filme gezeigt: „Die Zelle war der absolute In-Treff der Stadt. Es war ein Raum, aus dem die Jugendlichen nicht hinausgeflogen sind, wenn sie mal nichts getrunken haben. Da herrschte ein anderer Geist. Außerdem waren die Getränke billig“, schwärmt ein heute über 70-jähriger Stammgast von damals.

So hehr die Ziele der „Zellis“ – wie die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft genannt werden – auch waren, so beschwerlich war deren Umsetzung: Jahrzehntelang mussten sie um geeignete Räumlichkeiten kämpfen. Wegen des anstehenden Abrisses des Gebäudes am Karlsplatz wurde mit der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat um Lösungen gerungen.

1980 konnte der Verein schließlich in ein altes Fabrikgebäude der Firma Wandel umziehen, doch einige Jahre später stand die Zelle wegen der Kernstadterweiterung Süd vor einem erneuten Umzug. 1996 bezog das autonome Zentrum schließlich die neuen Räume auf der Bobrzyk-Insel an der Albstraße, die heute noch ihr Refugium ist.

Seit den Anfängen lebt der selbstverwaltete, autonome Verein vom Engagement ehrenamtlicher Mitglieder, Helferinnen und Helfer, die die die Räumlichkeiten in ihrer Freizeit haushalten, verwalten und gestalten. Im Zentrum steht bis heute die Idee, ein liberales Umfeld ohne Rassismus, Sexismus und jeglicher Art von Diskriminierung zu schaffen. Auch das Jubiläumsprogramm illustriert das Gemeinschaftsgefühl, das noch immer besteht:

Vieles erinnert an die bewegten Zeiten von damals und trotz der Auseinandersetzungen mit der Stadt – weil der Polizei mehrmals der Zutritt verwehrt wurde – und obwohl noch immer ungeklärt ist, ob die Zelle von der Stadt und vom Kreis für das Fest finanziell unterstützt wird, haben die Zellis ein kreatives Jubiläumsprogramm auf die Beine gestellt.

Es startet am Dienstag, 10. Juli, ab 15 Uhr mit einem Poetry Slam, Grillen und Chillen und einer Eröffnungsrede auf der Außenbühne. Am Mittwoch, 11. Juli, wird um 15 Uhr eine von Elsemarie Lichtenberger chronologisch aufbereitete Ausstellung zur 50-jährigen Geschichte der Zelle eröffnet. Zudem bietet der „Anarchistische Info- und Aktionstag“ Workshops, Lesungen und Vorträge.

Am Donnerstag, 12. Juli, 16.30 Uhr steigt eine bunte Streetparade durch die Innenstadt unter dem Motto „Reclaim your city!“ und am Freitag, 13. Juli, ab 17 Uhr und Samstag, 15. Juli, ab 14 Uhr gibt es sowohl drinnen als auch draußen Konzerte von Liedermachern und Bands aus dem HipHop-, Rock- und Elektropunkbereich (mit Stragula und Plastikstrom) sowie zum Abschluss eine Aftershowparty.

Trotz Drogenkontrollen, Polizeieinsätzen und dem monatelangen Streit vor Gericht über eine von der Zelle abgelehnte Gaststättenkonzession ist das Projekt Zelle noch längst nicht tot. Nicht nur einmal hing der Kulturschock am Abgrund. Aber es fanden sich immer wieder Leute, die die Einrichtung am Leben erhielten und mit ihrem Engagement zu dem machten, was sie heute ist: ein aufmüpfiges, unabhängiges Jugendhaus, in dem sich Jugendliche verschiedener Couleur verwirklichen können.

www.kulturschock-zelle.de/

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