Reutlingen Kammerorchester in der Kreuzkirche

Beifall für die Reutlinger Pianistin Angela-Charlott Linckelmann.
Beifall für die Reutlinger Pianistin Angela-Charlott Linckelmann. © Foto: Susanne Eckstein
Reutlingen / SUSANNE ECKSTEIN 13.07.2016
Beethoven konzertant und sinfonisch bot das Sommerkonzert des Reutlinger Kammerorchesters. Solistin war Angela-Charlott Linckelmann (Klavier). 

Es wird drückend heiß in der voll besetzten Kreuzkirche: Die Pianistin trocknet die Hände, der Dirigent wischt sich den Schweiß von der Stirn, das Publikum fächelt mit Faltblättern, einer zieht gar die Schuhe aus. Wie die meisten Kirchen eignet sich die Kreuzkirche nur bedingt als Konzertsaal, lüftungstechnisch und raumakustisch. Wo Streicher-, Vokal- und Kammermusik hervorragend klingen, degradiert die Akustik ein Sinfonieorchester zur amorphen Klangmasse.

Das trifft gerade groß besetzte Laienorchester wie das Reutlinger (immer noch so genannte) Kammerorchester mit seinem Sitz in der Kreuzkirche. Dieses widmete einen ganzen Konzertabend zwei großen Werken von Ludwig van Beethoven: dem 4. Klavierkonzert G-Dur und der Sinfonie Nr. 5 c-Moll („Schicksalssinfonie“). Für die Laienmusiker ist die Auseinandersetzung damit ein besonderes Erlebnis, zumal wenn – wie hier üblich – ein Profi den Solopart übernimmt und das Zusammenspiel beflügelt.

In diesem Fall war es die Pianistin Angela-Charlott Linckelmann, die als Kammermusikerin ohnehin stets das Zusammenspiel im Auge (und im Ohr) hat. Mit souveräner Technik und brillanter, dabei unaufdringlicher Virtuosität gestaltete sie den Dialog mit dem Orchester.

Gerade im zweiten Satz arbeiteten Dirigent, Solistin und Spieler wunderbar heraus, wie der Dissens zwischen dem strengen Orchester-Unisono und dem sanften Bitten des Klaviers sich zum musikalischen Einverständnis hin entwickelt und sich ins klangvolle Finale löst, geprägt durch Akzente und Klangzauber der Pianistin.

Dem lebhaften Beifall entsprach Angela-Charlott Linckelmann mit einer Solo-Zugabe: Franz Schuberts Scherzo-Satz aus der B-Dur-Sonate. Hier konnte sie ihre künstlerischen Möglichkeiten ausschöpfen und sorgte – musikalisch – für frische Luft durch ihr raffiniertes, dabei werkorientiertes Spiel mit Verzögerungen, Farben und Nuancen.

Der Grundbaustein des 4. Klavierkonzerts und der 5. Sinfonie ist derselbe: ein Dreier-Auftakt. Im Klavierkonzert wird er weich fortgesponnen, in der „Fünften“ endet er mit der Folgenote, ein markanter Solitär: ta ta ta taaa! „So pocht das Schicksal an die Pforte“ wird gern als – umstrittene – Deutung herangezogen. Wenn ein Orchester zum kraftvollen Spiel neigt und die Raumakustik den Klang bedrängt, wird Beethovens Sinfonik zum Ringkampf mit einem schwer lastenden Verhängnis (seiner Ertaubung?). Dabei könnte sie auch anders, frischer und durchsichtiger klingen!

Das große Reutlinger Kammerorchester jedenfalls hielt an seinem Ideal fest und setzte die Partitur – ungeachtet der Raumverhältnisse – mit voller Kraft und leidenschaftlicher Hingabe um. Es ist zwar eine enorme Leistung für Laien, dies gut und sicher zu schaffen, doch das Ohr des Zuhörers wurde durch unpräzise Einsätze und gellende Klangballungen irritiert, zumal wenn sich Blech und Pauken lautstark beteiligten.

Dass monotone Nebenstimmen die Melodie übertönen, muss auch nicht sein; in solchen Fällen sollte man eher das Ohr als die Noten zu Rate ziehen. Inseln der Schönheit boten die Holzbläser-Soli, beeindruckende Momente die dramatischen Steigerungen, besonders der Übergang zum Finalsatz. In diesem wurde nochmals alle Kraft aufgeboten, um dem Schicksal (hier: Überhitzung und Sauerstoffmangel) zu trotzen. Jubel und Bravorufe belohnten die Leistung.

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