Reutlingen / MARIE-LOUISE ABELE

Sein Großvater hatte sich als Künstler schon der Ikonenmalerei verschrieben, davon inspiriert lässt Jochen Görlach seine Werke im altmeisterlichen Stil entstehen. Mit der Schlagzeile „Caravaggio meets Down Town Girls in Feinripp“, würde der freie Kunsthistoriker Clemens Ottnad die Arbeiten des Künstlers überschreiben, wie er zur Ausstellungseröffnung im neuesten TTR-Gebäude sagte. „Auf den Leinwänden und Papierarbeiten von Jochen Görlach kommt zusammen, was scheinbar überhaupt nicht zusammen gehört.“

Es ist die virtuos eingesetzte Chiaro-Scura, die Hell-Dunkel-Malerei mit dramatisierter Lichtführung, die an den frühbarocken Michelangelo Merisi da Caravaggio erinnern lassen. Görlachs Werke, 48 sind derzeit auf drei Stockwerke verteilt im Technologiepark zu Gast, sind vorwiegend in den vergangenen Monaten entstanden, seine alt wirkenden Bilder aber tragen sehr junge Sujets. Die ungewöhnlichen Bildinszenierungen heißen „Rückzug“, „Ausschau“, „Hidden“ oder „Bis einer heult!“. Nichts ist wirklich zu erkennen, der Betrachter muss sich selbst ein Bild machen. Junge Menschen beim Feiern am Lagerfeuer, auf der Wiese, den Weg entlang, in sich gekehrt, abgekehrt, für den Betrachter selbst eigentlich nicht zu fassen, nicht zu ergründen.

Schnappschüsse mit der Digitalkamera sind häufig die Vorlage der Werke, sie zeigen die Menschen, meist weibliche, ausschnitthaft und flüchtig, im Halbdunkel, mal allein, mal im Dialog und doch voneinander entfernt. So entfache Görlach die voyeuristische Schaulust auf Seiten der Betrachter. „Indem er uns nämlich unvermittelt mit seinen namenlosen Rand- und Rückenfiguren oder anderen schemenhaften Erscheinungen konfrontiert, drängt uns der 1970 in Reutlingen Geborene, mit Atelier an der Echaz, in die Rolle des quasi heimlichen Beobachters von Unwissenden." Durch das Dunkel kann der Zuschauer sich nur langsam mit den Blicken durch das Bild ertasten, "bleiben die Blicke länger als gemeinhin angemessen auf den so starr angestarrten Personen und Gegenständen unserer Betrachtung verharren." Die Nebensachen werden zu immerwährenden Objekten der Begierde, bringt es Ottnad auf den Punkt.

Ganz anders präsentiert sich neben den größeren Malereien und den kleinformatigen Ansichten sowie den Zeichnungen und Glasobjekten eine Rauminstallation. Görlach lässt im Foyer den Blick in eine neue Welt entstehen. Eine große Bildaufnahme, die den Abstieg in den Grund und Boden zeigt, gibt den Blick dorthin frei, abgeschirmt von einem Bretterzaun, geradeso, als würde er dorthin gehören.