Reutlingen Junge Menschen interessieren sich für Geschichte

Jugendliche wollen in Reutlingen Geschichte erfahrbar machen - ein tolles Projekt des Geschichtsverens und des Jugendgemeinderats.
Jugendliche wollen in Reutlingen Geschichte erfahrbar machen - ein tolles Projekt des Geschichtsverens und des Jugendgemeinderats. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 16.07.2016
Eine tolle Sache: Jugendliche interessieren sich für die Stadt-Historie. Am Donnerstagabend stürzten sich rund zehn junge Menschen in die Arbeit.

Die Jugend der Stadt für die Vergangenheit der Kommune an der Achalm zu interessieren. Mit allen Höhen und Tiefen. Mit NS-Zeit, Hexenverfolgung, 48er-Revolution, 1. Weltkrieg und vielem mehr. Das ist ein gemeinsames Vorhaben des Jugendgemeinderats und des  Geschichtsvereins. Bei einem zweiten Treffen kamen am Donnerstagabend rund zehn Jugendliche im Kepler-Gymnasium zusammen. Sie besuchen das BZN, das Kepi oder sind auch schon aus der Schule raus.

Roland Wolf führte als Vorsitzender des Geschichtsvereins in das Treffen ein, betonte, dass allein die Jugendlichen entscheiden, welches Thema sie aufgreifen, recherchieren, in was sie sich vertiefen wollen. Die zwei Vorschläge, die zunächst angegangen werden könnten, seien genau dies – „nur“ Vorschläge. „Wir öffnen Türen, ihr entscheidet, was wir machen“, so Wolf. Die heutigen sozialen Medien seien eingebunden, es gebe eine WhatsApp-Gruppe, die Jugendgeschichtswerkstatt sei in Facebook zu finden – alles up-to-date. Treffen werde sich die Gruppe eigentlich im Haus der Jugend, nur ausnahmsweise kamen sie am Donnerstagabend im Kepi zusammen.

Zwei Projekte rückten zunächst in den Fokus: Eine Stadtführung für Flüchtlinge, von jungen Reutlingern für junge Asylbewerber. Wegen der sprachlichen Grenzen sei geplant, Dolmetscher dabei zu haben. Das andere Thema: Hexenprozesse in Reutlingen. Das Thema wird nach den Worten von Joachim Straub vom Jugendgemeinderat in einem Theaterstück gipfeln, das von der Theatergruppe des Isolde-Kurz-Gymnasiums bereits geschrieben wurde. Es fehle aber noch der inhaltliche Unterbau, so Straub. „Ihr könnt euch in die Recherche einbringen, aber auch als Schauspieler“, hatte Roland Wolf angemerkt.

Erstaunlich, dass sich zwei Drittel der Jugendlichen für das Thema Stadtführung für Flüchtlinge entschieden? Die anderen wunderten sich nicht: „Das Thema Flüchtlinge ist gerade halt in, vor fünf Jahren wäre das noch völlig anders gewesen“, kam die prompte Antwort. Aber: Beim ersten Treffen der Jugendgeschichtswerkstatt hätten sich einige für die Hexenprozesse interessiert. Nur: So kurz vor den Sommerferien seien viele Schüler auf Studienfahrt, wie auch Wolf hervorgehoben hatte.

Überraschend schaltete sich Eberhard Frasch in das Treffen am Donnerstagabend ein: Der Historiker und ehemalige Lehrer ist nicht nur ein engagierter Kämpfer gegen Stuttgart 21, sondern auch ein Aufklärer und ein Mensch, der versucht, die Schuld der Vergangenheit öffentlich zu machen. Im Kepi stellte er den Jugendlichen das Projekt „Workcamp in Sant’Anna die Stazzema“ in der Toskana vor. Im Herbst 2017 soll dieses Jugendcamp für 18 bis 27-Jährige durchgeführt werden. Der Hintergrund: 1944 hatten dort Mitglieder der deutschen Waffen-SS bei einem Massaker an die 560 Frauen, Kinder und Ältere ermordet. Inhalt des Aufenthalts in der Toskana sollen auch Gespräche mit Zeitzeugen sein, Kontakte mit italienischen Jugendlichen sowie die Erarbeitung eines medialen und kreativen Projekts. Der Reutlinger Bezug? Carla Kurz, eine Urenkelin des an der Achalm geborenen Schriftstellers, wurde bei dem Massaker in Italien ermordet. Am kommenden Donnerstagabend wird sich die Jugendgeschichtswerkstatt erneut gegen 18 Uhr treffen, dieses Mal im Haus der Jugend.