Auch wenn ihre politischen Meinungen eher auseinanderliegen – eines haben Katharina Böbel und Ardit Jashanica gemeinsam: Beide haben eine intensive und anstrengende Zeit als Wahlkampfhelfer hinter sich. Böbel im CDU-Lager, bei Dr. Christian Schneider. Jashanica bei der SPD, für den späteren Wahlgewinner Thomas Keck.

Die beiden 18-Jährigen machen einen sehr reifen Eindruck für ihr Alter. Auf ihren Facebook-Profilen findet sich ein politisches Posting nach dem anderen: Bilder vom JU-Stammtisch und dem frisch gewählten Vorstand der Jungen Europäer, Wahlkampfvideos und Gemeinderatsanträge, Wahlkampf an den Infoständen bei Bundestags- und OB-Wahl. Wie kommt es, dass sich junge Menschen so stark für Kommunalpolitik interessieren und einsetzen?

„Politik war bei mir daheim immer ein Thema“, sagt Böbel. Als sie dann 2014 in der Schule ein Referat über die Kommunalwahl hielt, packte sie das Fieber: Mit 14 Jahren trat das Mädchen in die Junge Union ein. Jashanica machte sein einwöchiges Praktikum zur Berufsorientierung am Gymnasium beim Bundestagsabgeordneten Michael Donth (CDU). Die politische Richtung änderte er dann nochmal: 2017 trat er in die SPD ein. Das Interesse aber blieb.

Böbel war für ein Praktikum sogar schon in Berlin: Im Sommer 2018, für zwei Wochen bei Gesundheitsminister Jens Spahn. Für Gesundheits- und Bildungspolitik interessierte sie sich sowieso schon immer, sagt sie. „Ich will auch Medizin studieren.“

Jashanica war seit Oktober Minijobber bei der SPD-Gemeinderatsfraktion. „Als klar war, dass Keck kandidiert, hab’ ich ihn gefragt, ob er einen Helfer braucht“, erinnert er sich – und wurde flugs zum Wahlkampfassistenten. Für Böbel war auch schnell klar: „Schneider bringt so viel Erfahrung mit, ihm traue ich zu, wieder Ordnung ins Rathaus zu bringen.“

Es war nicht ihr erster Wahlkampf; auch bei der vergangenen Landtags- und der Bundestagswahl verteilte sie eifrig Flyer. Was schwieriger war, da ist sie mit Jashanica einer Meinung: „Denn da wird man immer mit den Vorurteilen gegenüber der ganzen Partei konfrontiert.“ Was bei den Sozialdemokraten die Hartz-Gesetze sind, ist bei der CDU die Flüchtlingskrise. „Und ich war ja noch ein Baby, als Schröder Kanzler war“, sagt Jashanica und schüttelt den Kopf.

Beim OB-Wahlkampf dagegen komme es stärker auf die Persönlichkeiten an – was notorisch unzufriedene Gegenüber nicht ausschließe. „Viele fangen an, endlos zu diskutieren, und viele wollen auch einfach nur meckern“, ist Böbels Erfahrung. Da helfe nur: „Geduldig bleiben.“ Was man mit der Zeit lernt, wie sie sagt.

Genauso lernt man, Flyer möglichst schnell in Briefkästen zu stecken und Plakate in weniger als einer Minute an Laternenmasten zu hängen. 50 000 Flyer und Türanhänger hat beispielsweise die CDU-Truppe während des Wahlkampfes verteilt. Böbel hat allein mit ihrem 14-jährigen Bruder ganz Sickenhausen geflyert. „Meine Eltern haben schon oft gesagt, es wäre schön, wenn ich auch mal vor Mitternacht nach Hause komme“, erinnert sie sich und schmunzelt.

600 „Keck kann’s“-Plakate und 450 Themenplakate haben die rund 100 Helfer bei „Wind und Wetter“ verteilt, sagt Jashanica. Er selbst hatte viele administrative Aufgaben in dieser Zeit: Mails lesen und beantworten, Termine koordinieren, den Internetauftritt managen.

Wie viel Zeit geht für so einen Wahlkampf drauf? „Sehr viel Zeit“, sagt Böbel, die im Frühling auch noch ihr Abitur macht und während des Wahlkampfs zeitlich an ihr Limit kam. „Aber: Am Abend vor einer Klausur konnte ich trotzdem nie daheim sitzen“, erzählt sie. „Also bin ich mitgegangen zum Plakate aufhängen.“

Die geringe Wahlbeteiligung kann sie nicht verstehen: „Ich bin enttäuscht von Reutlingen, nur 16 Prozent der Wahlberechtigten hat umgerechnet den neuen OB gewählt.“ Jashanica nickt.  Auch die Berichterstattung der Medien kritisieren die beiden Wahlkampfhelfer. „Alle haben geschrieben, die Kandidaten sind gleich“, sagt Jashanica. „Aber es gibt in Reutlingen nun mal die zentralen Themen Wohnen und Verkehr – da kommt man ja nicht drum herum.“ Jashanica und Böbel kennen sich schon aus dem Jugendgemeinderat: Beide waren eine Periode lang im Gremium. Der Wahlkampf war eine intensive Zeit, da sind sich die beiden einig. „Ich habe viel über Reutlingen gelernt, viele neue Ecken kennengelernt“, sagt Jashanica. „Man hat jetzt auch einen anderen Blick auf die Dinge“, findet Böbel. „Man sieht viele Probleme, die man davor nicht gesehen hat.“

Den Höhepunkt fand die intensive Zeit schließlich im Wahlkrimi im Rathausfoyer: Während Jashanica seinem Kandidaten Keck am Ende lachend auf die Schulter klopfen konnte, blieb für Böbel zunächst eins: „ein ganz beschissenes Gefühl.“ Beim anschließenden Zusammensitzen der CDU im „Café Sommer“ hätten sie und ihre Mitstreiter sich schon gefragt: „Was hätte man mehr machen können?“ Logisch, bei 72 Stimmen Unterschied. Aber auf der anderen Seite weiß sie auch: „Ich selbst konnte nicht mehr machen.“

Nun will sie politisch weiter aktiv bleiben und für den Gemeinderat kandidieren. Jashanica darf in Reutlingen nicht mehr wählen: Die Familie zieht nach Pfullingen. Im September beginnt sein Studium an der Verwaltungshochschule Ludwigsburg – und zwar mit einem Praktikum auf dem Reutlinger Rathaus. OB Thomas Keck wird dann sein oberster Vorgesetzter sein. Jashanica muss lachen und stellt klar: „Die Zusage für das Praktikum kam schon vor dem Wahlkampf.“

„Unverzichtbar“ für die Kandidaten


Junge Helfer sind im Wahlkampf „unverzichtbar“, resümiert der frisch gewählte OB Thomas Keck. Vor dem Wahlkampf sei er in puncto Social Media eher „old fashioned“ unterwegs gewesen, bekennt er. „Aber beispielsweise die Videos auf der Facebookseite haben unglaublich gewirkt“, sagt er. Und das sei alles nur mit dem IT-Wissen seiner jungen Helfer möglich gewesen. Allein das am Sonntagmorgen veröffentlichte Video mit einem Wahlaufruf habe 25 000 Aufrufe zu verzeichnen.

Auch im Straßenwahlkampf seien junge Menschen extrem wichtig. „Sie senken die Barriere bei den Menschen“, sagt Keck. Er selbst ist mit 22 Jahren in die SPD eingetreten und hat in jungen Jahren zahlreiche Wahlkämpfe unterstützt. kam