Reutlingen Jugendhilfe gGmbH gefährdet Arbeitsplätze

Reutlingen / SWP 29.08.2013
In einem Offenen Brief nimmt Hanfried Kowalski, Betriebsrat von Pro juventa, Stellung zur geplanten Gründung einer Jugendhilfe gGmbH im Kreis.

In dem Schreiben an die Landkreisverwaltung, die Jugendhilfeausschuss- und Kreistagsmitgliede, heißt es: "Mit großer Sorge hat der Betriebsrat von Pro juventa die Gründungsabsichten einer Jugendhilfe gGmbH zur Kenntnis genommen und die Diskussionen darüber verfolgt.

Es geht primär darum, Kosten einzusparen. Die Qualität der ambulanten Jugendhilfeangebote zu sichern beziehungsweise zu optimieren, erscheint nachrangig.

Im Laufe der letzten 20 Jahre wurden die Jugendhilfeträger der freien Wohlfahrtsverbände vom Landkreis mit der Durchführung vieler Jugendhilfemaßnahmen beauftragt. Die Einrichtungen haben entsprechend dieser Aufträge Fachkräfte eingestellt, qualifiziert und - jeweils regional spezifisch - ein Netz von Hilfsangeboten aufgebaut und entwickelt.

Erfahrene Fachkräfte, die tarifgerecht bezahlt werden, erfüllen diese Aufgaben nun schon etliche Jahre, und - wie viele Fachkräfte des Jugendamtes und anderer Institutionen bestätigen - auch zuverlässig und gut.

Pro juventa beispielsweise beschäftigt im Bereich der Familienhilfe, der Erziehungsbeistandschaften, des Betreuten Jugendwohnens und der Schulbegleitungen inzwischen über ein Drittel der Gesamtmitarbeiterschaft, größtenteils als Teilzeitbeschäftigte.

Durch die Einführung eines neuen Finanzierungssystems im Jahr 2012 erlebten die Kolleginnen und Kollegen zunehmende Arbeitsverdichtung und Arbeitsbelastung. Jetzt soll die Jugendhilfe gGmbH diese Aufgaben unserer Kolleginnen und Kollegen übernehmen, weil sie "billiger und effektiver" sei. Ob dies wirklich so ist, bestreitet die Stellungnahme der LIGA der freien Wohlfahrtsverbände.

Unbestritten wird dadurch die Existenz unserer Arbeitsplätze gefährdet. Bereits jetzt entstehen Existenzängste. Junge Fachkräfte beginnen sich umzuorientieren. Erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die jahrelang im Auftrag des Kreises zuverlässig ihre Arbeit erledigt haben, bangen um ihre Arbeitsplätze.

Sie gehen mit großen psychischen Belastungen um. In einem Arbeitszeitkorridor von früh morgens bis in den späten Abend hinein, in Krisen auch an Wochenenden, sind sie zeitlich äußerst flexibel tätig. Sie, die Ü40/Ü50-Generationen, finden auf dem Arbeitsmarkt kaum eine andere Stelle; und sie haben oft selbst Familie und eigene Kinder zu versorgen.

Es ist allen klar: wenn die "Jugendhilfe gGmbH kommt", dann wird der Landkreis zuerst diese "bedienen".

Somit erscheinen diese Sorgen der Beschäftigten uns als Betriebsrat sehr berechtigt. Dies betrifft allein bei Pro juventa über ein Drittel der Gesamtbelegschaft; ähnlich verhält es sich vermutlich auch bei den Kolleginnen und Kollegen der anderen Jugendhilfeeinrichtungen.

Außerdem hat dies unseres Erachtens zur Folge, dass die Qualität der Jugendhilfearbeit abnehmen wird. Gut funktionierende Hilfsnetzwerke brechen zusammen. Nur auf Grundlage gesicherter Arbeitsplätze kann gute Arbeit geleistet werden.

Unsere Kinder und jungen Menschen sichern langfristig unsere Zukunft. Besonders diejenigen, die unter schwierigsten Lebensbedingungen aufwachsen müssen, benötigen die volle Aufmerksamkeit unserer Gesellschaft. An den notwendigen Hilfen darf nicht gespart werden.

Auch die Menschen, die jahrelang dort ihre Dienste für den Landkreis im Rahmen der Subsidiarität geleistet haben, bedürfen der Anerkennung und des Respektes unserer Gesellschaft und entsprechender Behandlung.

Der Betriebsrat von Pro juventa bittet deshalb die politischen Entscheidungsträger, oben genannten Punkten bei ihren Entscheidungsprozessen Rechnung zu tragen, um längerfristig Arbeitslosigkeit zu vermeiden."

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