Stadtgespräch Evelyn Rupprecht über die Verschiebung der Blechkarawanen Jetzt rollen sie woanders

© Foto: Thomas Kiehl
Reutlingen / Von Evelyn Rupprecht 16.03.2018

Geschafft! Der Verkehr ist weg von den Mess-Stationen, die Stickoxid-Werte an der Lederstraße sind gesunken. LKW-Durchfahrtsverbot, Temporeduzierungen und veränderte Ampelschaltungen zeigen Wirkung – und verlagern die Staus. Denn was die Stadt Reutlingen jetzt via Pressemitteilung als Erfolg verkauft hat, dürfte für die Menschen in den Wohngebieten, die nun unter dem Ausweich-Verkehr zu leiden haben,  eher ein Schreckens-Szenario sein.

Aktuelle Zählungen haben ergeben, dass 8000 Autos weniger pro Tag auf der Lederstraße unterwegs sind. Aber: Die Fahrzeuge sind ja nicht wirklich weg. Sie sind nur woanders. Dort, wo sie auch keiner haben will. Und dort, wo die Stickoxid-Belastung in der Luft nicht penibelst überprüft wird.  Staus gibt’s also durchaus noch in Reutlingen.

Freilich hat die Umsetzung des Luftreinhalteplans auch tatsächlich positive Effekte: Endlich nutzen die Autofahrer den Scheibengipfeltunnel, der in den ersten Monaten nach seiner Öffnung verkehrsmäßig ziemlich vor sich hin gedümpelt ist. Bis zu 22 000 Fahrzeuge sollen’s mittlerweile täglich sein, die durch die Röhre rollen – und dann unter anderem an Orten ankommen, die gar nicht richtig auf sie vorbereitet sind. Im gänzlich Tunnel-freien Lichtenstein zum Beispiel, das zwar (noch) nicht mit einer Ortsumgehung, dafür aber mit Tempo 30 aufwarten kann.

Auf der Flucht vor Tempo 30

Wie ein riesiger Wal strandet der Stau am Ortsschild, um sich dann doch noch zu berappeln und sich in Zeitlupe durch den Ort zu quälen. Ein Horrorszenario, das immer mehr Auto- und vor allem LKW-Fahrer derart abschreckend finden, dass sie noch vor dem Ursulabergtunnel flüchten und sich in Pfullingen über die Seitenstraße zur Stuhlsteige hin retten. Dass das die Anwohner aufregt und jüngst ein Pfullinger vom Bürgermeister wissen wollte, was er – beziehungsweise die Stadt – dagegen zu tun gedenke, ist nicht verwunderlich.

Eine Idee wäre es, den Lärmaktionsplan ein bisschen auszudehnen. Tempo 30 nicht nur in den Wohngebieten, sondern auch auf den Durchgangsstraßen  – das wäre eine Option, um ungebetene Autofahrer wegzubekommen.

Leidende Eninger

Wären da noch die Eninger, die unter der Verkehrslast zu leiden haben – und die derzeit mächtig wütend sind, weil die Reutlinger Maßnahmen zum Luftreinhalteplan ganz schlecht bei ihnen ankommen, wie am Donnerstag im Gemeinderat nicht zu überhören war.