Die fast 100 Sänger, die an diesem verschneiten Samstagvormittag in ihr Probenwochenende starten, haben’s nicht leicht. Nicht nur der Wintereinbruch hat den Weg zur Schloss-Schule beschwerlich werden lassen, auch die Ansprüche des Dirigenten sind enorm hoch. Mal sollen die Frauen und Männer der übenden Hundertschaft sich anhören, als wären sie nur 25, dann wieder müssen ihre Stimmen erschallen, als wären sie 200 – je nach dem, was gerade geprobt wird. Charpentiers „Te Deum“ darf feiner und dezenter daherkommen, Beethovens 9. Sinfonie muss mächtig und kräftig den ganzen Raum füllen. Doch Mario Kay Ocker ist zufrieden mit dem, was ihm zu Ohren kommt. „Das klingt schon wirklich toll. Die Leute können mit dem Errungenen umgehen, es gestalten“, lobt der musikalische Leiter die Sänger, die die flotteren und die getrageneren Passagen inzwischen gleichermaßen beherrschen – das allerdings wohl auch, weil der Frauen- und der Männerchor sowie „Ffortissimo“ sich seit gut einem halben Jahr auf ihre beiden großen Auftritte in den Pfullinger Hallen vorbereiten.

Dieses Probenwochenende gut 14 Tage vor den Neujahrskonzerten soll die Vorbereitungsphase abrunden. Eine Haupt- und eine Generalprobe folgen noch, dann wird der Liederkranz Beethovens und Charpentiers Werke am 19. und 20. Januar in den Pfullinger Hallen erklingen lassen. „An die Freude“ sind die beiden Abende überschrieben, an denen die Chöre mit der Europahymne begeistern wollen.

So anspruchsvoll das Neujahrskonzert werden wird, so breit ist auch die Altersspanne derer, die es aufführen werden. Die jüngsten Sänger sind Mitte 20, der älteste ist weit über 80. Und es sind nicht nur Chormitglieder, die mitwirken. „Es machen auch einige fördernde Mitglieder und Projektsänger mit“, erklärt Liederkranz-Chef Eugen Hilbertz, der sich vor allem darüber freut, dass heuer zum zweiten Mal nach 2013, als die Carmina Burana auf dem Programm stand, das „Orchester arcademia sinfonica“ mit von der Partie ist. Es wird 45 Minuten des Neujahrskonzerts ganz allein bestreiten, weshalb Mario Kay Ocker, der nicht nur Liederkranz-Dirigent ist, sondern bei dem Projekt auch die musikalische Gesamtleitung hat, in der vergangenen Woche extra zur Hauptprobe nach Balingen gefahren ist. Er war begeistert vom schönen Klang des semiprofessionellen Orchesters, das aus Lehrern und Studenten, Schülern und Berufsmusikern besteht.

Begeistert ist derweil nicht nur Ocker, auch die Pfullinger Sänger sind es. Am vergangenen Wochenende haben sie parallel zu den gemeinschaftlichen Proben auch Stimmbildungs-Einheiten bei der Pfullinger Musiklehrerin Anne Munding absolviert. Die Sänger sind jedoch auch aus einem anderen Grund bestens vorbereitet. „Jeder von uns hat eine CD mit nachhause bekommen, um zu üben“, erklärt Gabriele Raisch, die auch in den eigenen vier Wänden emsigst geprobt hat – und sich jetzt schon auf die beiden Neujahrskonzerte freut. Gespannt ist der Dirigent derweil auf das, was die Aufführungen in ihm auslösen werden. Ocker ist von Kindesbeinen an Beethoven-Fan. „Es ist eine Obsession, dieses Stück verfolgt mich“, sagt er über die Neunte, deren 276-seitige Partitur er hütet wie seinen Augapfel. Aus dem Jahr 1985 stammt sein Papier-Bündel, in das er höchstens mit zarten Bleistift-Strichen minimalste Anmerkungen macht. Beim Konzert wird er übrigens ohne die Partitur dirigieren – unter anderem, weil zum Umblättern kaum Zeit bleibt.

Bis es soweit ist, werden sich Ocker und der Liederkranz noch weiter „jeden Beethoven-Ton erkämpfen“. Ohne Pathos und Leidenschaft geht da  gar nichts. Und wenn der letzte Akkord in den Pfullinger Hallen vorbei ist, hofft der Dirigent, „dann klingen die Töne im Kosmos immer weiter“. Denn Beethovens Musik, sagt er, ist für die gesamte Menschheit gedacht – „ja, wir singen das für die ganze Welt“.

Konzerte am 19. und 20. Januar


Die beiden Liederkranz-Neujahrskonzerte sind am Samstag, 19. Januar, um 19.30 Uhr und am Sonntag, 20. Januar, um 17 Uhr in den Pfullinger Hallen. Saalöffnung ist jeweils eine halbe Stunde vor Konzertbeginn. Es gibt für beide Auftritte noch Karten.