Jan Plewka (49) kennen die meisten Musikfans als Sänger der in den 1990er Jahren gegründeten Hamburger Rock-Band Selig. Doch er war schon als Neunjähriger in einer Band aktiv. Und am Valentinstag kommt er im Duo-Format nach Reutlingen. Am Telefon erklärt er, was ihn einst depressiv machte, warum er den Sturm Sabine gut findet und was die Zuschauer am 14. Februar im franz.K erwartet.

Hallo Herr Plewka, wo erreiche ich Sie gerade?

Jan Plewka: Ich bin zuhause in Ahrensburg, einer Vorstadt von Hamburg.

Da sind Sie auch geboren, oder?

Nee, das steht falsch auf Wikipedia, ich bin in Hamburg geboren, das muss ich mal ändern lassen.

Ist Sturm Sabine auch bei Ihnen vorbeigezogen?

Ja, den hatten wir am Sonntag, mit allen Träumen und flatternden Dachziegeln.

Aber nichts Großes passiert?

Nein, nichts Schlimmes. Bei uns waren auch Schulen geschlossen. Aber gestern habe ich zu meiner Frau gesagt, mal ganz im Ernst: Vielleicht ist gut so, dass jetzt so krass gewarnt wird. Damit die Leute mal wachgerüttelt werden, weil wir stehen ja wirklich vorm Aussterben. Und es passiert nichts. Australien oder die Arktis, das ist so weit weg von uns, dass wir gern denken, ach, das regeln die schon. Wenn durch den Sturm, der direkt hier, ganz nah bei uns war, die Leute mal ein bisschen mehr drüber nachdenken, was die Klimakatastrophe angeht, finde ich das ganz gut. Damit man da mehr darüber nachdenkt. Auch dass Fernsehmoderatoren das ansprechen und sagen, das war der wärmste Januar seit Menschengedenken und es liegt an den Treibhausgasen. Dass das jetzt mal so ins Bewusstsein kommt. Wir müssen da eventuell über den Gegenwartszeitpunkt hinaus übertreiben, damit wir unsere Kinder in Schutz nehmen. Deshalb ist es mir lieber, dass Sturm Sabine auf der ersten Seite der Zeitung steht als ein Fußballspiel oder der Bau eines neuen Kreuzfahrtschiffes.

Die machen ja im Moment Schlagzeilen wegen des Coronavirus, haben Sie davon gelesen?

Da waren jetzt bei den Cruise Days in Hamburg zwölf Kreuzfahrtschiffe, so viele sind dort noch nie gewesen, und wir wissen, dass die Hartöl in die Atmosphäre pusten und alles kaputtmachen. Da stand auf der ersten Seite ,500 000 Menschen kommen und bewundern die’, und auf der Wissenschaftsseite, dass ein Labor von Menschen aus allen Ecken der Welt Stuhlproben untersucht hat, und überall Mikroplastik drin war. Dabei hätte das doch auf die erste Seite gehört, weil das uns alle angeht. Kreuzfahrtschiffe gehen halt nur ein Paar an und die stehen für das Selbstzerstörerische an unserem Planeten.

Sie sind ein richtiger Kinderstar und haben schon mit neun Jahren nicht nur mitgespielt, sondern auch ein Drehbuch geschrieben für die „Sesamstraße“. Wie kam das?

Ich hatte mich verliebt in ein Mädchen in unserer Klasse und hatte ihr immer Liebesbriefe geschrieben, die sie mir aber über Dritte zurückgeben ließ. Da hab ich eine Band gegründet, um diese Liebesbriefe zu singen. Und nach einem Auftritt von Blackfire in der Schulaula, wo ich diese Liebesgedichte gesungen hab mit so Pappgitarren, also wir haben gar keine richtige Musik gemacht, sondern nur diese Liebesgedichte gesungen, da war mir klar, was ich mein Leben lang machen möchte: Liebesgedichte singen. Der Vater eines Bandmitglieds, Marek Harloff, war Film- und Synchronregisseur, und als wir sagten, wir brauchen jetzt echte Stromgitarren und Schlagzeug, was ja sehr teuer ist, da meinte der, ich nehme euch mit ins Studio. Da könnt ihr Kinderstimmen synchronisieren. Der hat mich entdeckt. Er meinte, Mensch, du schreibst hier Gedichte und willst Schriftsteller werden, schreib mir doch mal eine Episode für die „Sesamstraße“. Da gab es damals so eine kleine Serie über Leichtathletikclubs. Ich schrieb eine Folge und dann sagte er, kannst gleich auch die Hautrolle spielen. So kam das.

„Sesamstraße“ war die Kindersendung mit Lilo Pulver und so einem gelben, fluffigen Federvieh, nicht?

Genau, Tiffy und Samson hießen die.

Ich kenne Sie – wie wohl viele Musikfans – als Bandleader von Selig. Sind Sie bis heute auch Schauspieler?

Eher Sänger mit Affinität zur Schauspielerei. Ich bin kein Schauspieler, damit würde ich die schauspielerische Zunft beleidigen (lacht).

Recht früh in Ihrem Leben haben Sie geheiratet und sind nach Schweden gezogen, als Ihre Tochter zur Welt kam. Warum waren Sie dort nur kurz? Heißt das, dass die junge Familie in die Brüche ging?

Nein, nein, durch die Herausforderung des Auswanderns ist die sogar noch stärker geworden.

Übers Auswandern gibt es ja heute ganze TV-Serien: Wie war diese schwedische Erfahrung für Sie?

Schrecklich, ganz fürchterlich war das. Ich war depressiv und wir konnten nicht Fuß fassen. Unsere psychische Verfassung war einfach katastrophal. Innerhalb Stockholms sind wir in einem Jahr sieben Mal umgezogen. Keinen Job gekriegt, nichts gar nichts, überhaupt nicht Fuß fassen können, und dann sind wir wieder zurück.

Da ihre Frau Schwedin ist, half das zumindest in Sachen Sprachbarriere?

Ja, nein, wir waren einfach nicht geschaffen für die Welt, in die wir wollten.

Dabei stellt man sich das so toll vor: Stockholm, schöne, lässige Menschen, Schäreninseln….

Ich kam ja aus dem urbanen Wahnsinn, war vier Jahre mit Selig auf Tour und in Studios in allerlei Ländern unterwegs. So ein Cut mit Bandsplit und dann in die Einöde, das war ein krasser Sprung. Ich glaube, wenn man jetzt in dem Alter, in dem ich jetzt bin, nach Schweden auswandert, und sich dort niederlässt, so selbsternährungsmäßig, das stelle ich mir sehr schön vor.

Also war es einfach die falsche Zeit?

Ja, es war aber eine richtige Entscheidung, weil ich mich erstmal wieder selber finden musste und da ist Schweden genau das richtige Land für.

Mit Selig war es ja damals sehr schnell nach Oben gegangen?

Ja, das war sehr rasant. Von Null auf Tausend.

Sie kamen eigentlich schon vor der sogenannten Hamburger Schule, gründeten Sie gewissermaßen die „Hamburger Vorschule“?

Die anderen Bands kamen irgendwann dazu und da haben Journalisten diesen Begriff geschaffen. Nach Schweden lag die Band dann zehn Jahre auf Eis.

Und nun kommen Sie am Valentinstag nach Reutlingen. Was bringen Sie mit?

Ich bring alle Lieder mit, außer denen von Selig, die ich gelernt habe mit Marco Schmedtje, meinem Partner bei unserem Projekt Between the Bars. Und wir haben einen Jutebeutel mit all unseren Liedern dabei. Nach jedem Lied geh ich ins Publikum und lass das nächste ziehen. Wir haben zusammen Lieder geschrieben, Platten gemacht, Theater inszeniert, Bands gegründet, wieder aufgelöst. Wir kennen uns seit 20 Jahren und haben ein musikalisch sehr bewegtes Leben hinter uns. Die ganzen Lieder, die wir gelernt haben, die geben wir da zum Besten.

Wofür steht der Bandname Between the Bars?

Die Griffbünde am Hals der Gitarre nennt man Bars und das ist eine schöne Metapher, denn wir waren immer sehr trinkfreudig und sind viel in Kneipen unterwegs gewesen. Das machen wir jetzt öffentlich (kichert). Wir betrinken uns und erzählen Geschichten aus dem Nähkästchen. Und spielen die Lieder, die wir können.

Info Am Freitag, 14. Februar, 20 Uhr, tritt Jan Plewka mit Between the Bars in der Reihe „Songs & Poesija“ im franz.K in Reutlingen auf.