Reutlingen Integration als Daueraufgabe

Nach den Vorträgen befassten sich am Montagabend Arbeitsgruppen mit den Themen Bildung und Arbeit, Leben und Wohnen, gesellschaftliche, kulturelle und politische Teilhabe sowie interkulturelle Orientierung und Öffnung der Verwaltung.
Nach den Vorträgen befassten sich am Montagabend Arbeitsgruppen mit den Themen Bildung und Arbeit, Leben und Wohnen, gesellschaftliche, kulturelle und politische Teilhabe sowie interkulturelle Orientierung und Öffnung der Verwaltung. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / swp 04.10.2018

Die Teilnahme am Montagabend in der Reutlinger Stadthalle kann durchaus als rege bezeichnet werden: Mehr als 200 Bürger, mit und ohne Migrationshintergrund, hatten sich eingefunden, um sich an die Arbeit der „Fortschreibung des Integrationskonzepts“ zu machen. Oder, wie Oberbürgermeisterin Barbara Bosch es weiter ausführte: Es gelte „zu überlegen, was von dem 2010 entwickelten Konzept noch Bestand hat und an welchen Stellschrauben zu drehen ist“.

Vor der Arbeit der interessierten Reutlinger Öffentlichkeit hatte die Dramaturgie allerdings zwei Reden (je eine von Bosch und Annette Widmann-Mauz) sowie einen Vortrag des Ethnologen und Migrationsforschers Jens Schneider gesetzt. Einmal mehr verwies die Reutlinger Oberbürgermeisterin in ihren Ausführungen auf „über 140 Nationalitäten in der Stadt“, darauf dass „40 Prozent der Bürger einen Migrationshintergrund aufweisen“ und dass die Stadt pro Jahr rund 1000 neue Einwohner erhält. „Unter den Kindern und Jugendlichen finden sich sogar mehr als 50 Prozent Migranten“, sagte Bosch. Das sei „gelebte Vielfalt, das sind alles Reutlinger und Reutlingerinnen, egal, wo sie herkommen“. Wichtig sei es „gerade jetzt, das Integrationskonzept weiter zu entwickeln“, betonte die Rathauschefin.

Auch Widmann-Mauz betonte als CDU-Bundestagsabgeordnete aus dem Tübinger Nachbar-Wahlkreis: „Bundeskanzlerin Angela Merkel und ich haben auf Bundesebene einen ähnlichen Prozess wie in Reutlingen angestoßen“, sagte die Migrations-Beauftragte der Bundesregierung. Denn: „Der nationale Aktionsplan aus dem Jahr 2012 soll jetzt ebenfalls weiter entwickelt werden – nach 2015 ist das auch kein Wunder“, unterstrich die CDU-Politikerin. „Wir müssen dabei auch die Befürchtungen und Ängste ernst nehmen.“

Widmann-Mauz selbst bezeichnete „Integration als Daueraufgabe und als Dauerchance“. Dabei müsse das „Wir und Ihr überwunden werden“ – ebenso wie Rassismus. Die Grundfrage bei diesem Prozess drehe sich darum, „zu gestalten, wie wir zusammenleben wollen“. Ein anderer Aspekt sei der „Fachkräftemangel“, woraus sich ergebe: „Wir brauchen Migration.“ Zum Zeitpunkt der Veranstaltung am Montagabend war noch nicht klar, dass die Bundesregierung sich in der Nacht auf Dienstag auf die Verabschiedung der Eckpunkte eines Zuwanderungsgesetzes geeinigt hat.

Annette Widmann-Mauz hatte in der Stadthalle aber noch auf weitere Positionen hingewiesen: Dass nämlich „strukturelle Diskriminierung in Schule, bei der Arbeit und auf dem Wohnungsmarkt“ aufhören müsse, aber auch dass „Gewalt, Hetze und Selbstjustiz keinen Platz in der Gesellschaft haben“. Einen Tipp gab die Politikerin den Anwesenden in der Stadthalle schlussendlich noch mit auf den Weg: „Lassen Sie sich nicht von der aufgeladenen Stimmung demotivieren.“

Vielfalt in der Stadtgesellschaft

Alles andere als „demotivieren“ wollte auch Jens Schneider als Dozent der Universität in Osnabrück: Mit seinem Vortrag zur „Vielfalt in der Stadtgesellschaft“ hob er den Umstand hervor, dass in so reizvollen Städten wie München, Paris, London, Brüssel und vielen weiteren mehr „das Zusammenleben in der Supervielfalt funktioniert“. Und das obwohl – oder vielleicht auch weil – „die Mehrheitsgesellschaft ihre numerische Dominanz in diesen Städten verloren hat“. Will heißen: Die Minderheiten, also die vielen Gruppen der Migranten unterschiedlichster Herkunft, haben in den jeweiligen Städten mittlerweile die Mehrheit von mehr als 50 Prozent überschritten. Ohne dass laut Schneider die Attraktivität der Metropolen gelitten habe. „Migration ist der Normalzustand – und das war schon weit vor 1945 so“, betonte der Ethnologe.

In den Arbeitsgruppen, die sich nach dem Vortrag in der Reutlinger Stadthalle zusammenfanden, wurden vier Themenfelder beackert: Bildung und Arbeit, Leben und Wohnen, gesellschaftliche, kulturelle und politische Teilhabe sowie interkulturelle Orientierung und Öffnung der Verwaltung. Stichworte, die dort auftauchten? Gesetze des Landes achten, Begegnung ist wichtig, Vereine öffnen für Migranten, Vorurteile reduzieren, Gemeinsamkeiten finden, Rolle von Mann und Frau definieren, keine Hilfestellung beim Jobcenter für Migranten und ganz viel mehr. Der Prozess der Fortschreibung des Integrationskonzepts ist mit dem Abend nicht beendet – das war laut Bosch der Startschuss.

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel